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bekay de » Offen  
 

Sonntag, der 20.01.2008, 03:59
Offen

Ich weiß gar nicht so genau, wie ich meine lange Ruhe brechen soll. Es soll auch nur eine ganz kurze Meldung sein: Criminal Minds ist eine der interessantesten und faszinierendsten Serien, die ich bisher gesehen habe. Von der deutschen Presse wohl vollkommen ignoriert, zerrt sie Folge für Folge Themen ans Licht, die sonst in Unterhaltungsformaten nicht einmal annäherend verhandelt werden: Paraphilien (von Pädo bis Nekro), die Gefahr einer weiteren "Satanic Panic" (es stellt sich in dieser Folge jedoch heraus, dass die Jugendlichen einer orthodox-christlichen Gemeinde so unterdrückt & kontrolliert werden, dass sie ihren einzigen Freiraum darin finden, Monate der Verwesung eines verunglückten Wanderers im Wald zuzuschauen) oder auch Guantanamo Bay. Bei letzterem schafft Criminal Minds mal eben das, wozu 24 immer eine ganze Staffel braucht. In der 10. Folge der zweiten Staffel, Lessons Learned, muss die Gefahr eines Milzbrand-Anschlages abgewendet werden. Die Informationen zum Anschlag hat ein Insasse, der in Guantanamo Bay sitzt (die Figuren merken geradezu brutal offen an: "paktisch existiert er nicht" / "für immer"). Agent Gideon, Profiler der BAU (Behavioral Analysis Unit) des FBI, muss dem Islamisten innerhalb von zwei Tagen das entlocken, was die CIA - auch das wird offen behandelt - mit ihren Gewaltmethoden zwei Jahre lang nicht geschafft hat. Natürlich gelingt das: Gideon, Humanist pur und destillierter Philanthrop, verfehlt mit seinem dialogischen Ansatz selten das Ziel (ein kleiner Beweis - die ersten zwei Minuten und dann wieder ab 3:10). Dabei fällt mal wieder soviel an "Links" und Informationshappen ab, von denen könnte man sich noch Tage ernähren. Wer weiß schon, dass die Landebahn von Guantanamo Bay auf der Grenze zum kubanischen Luftraum liegt - der "Guantanamo Bay Twist" ist die abrupte 90°-Kurve, die das Flugzeug absolvieren muss, um zu landen und nicht den kubanischen Luftraum zu verletzen. Solche Snippets werden auch gerne zu wirklichen Serienkillern gebracht, die kurz vorgestellt werden - unter Einblendung von Originalaufnahmen oder Fotos. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Autoren immer ein Stück weiter recheriert haben und nicht nur Thriller-Schemata abspulen.

Wer jetzt meint, in einer Folgen einen Terrorakt vereiteln, das sei unrealistisch & unglaubwürdig, dem will ich nicht widersprechen. Die starke Komprimierung der Plots auf Folgenlänge hat sicher grobe Vereinfachungen zur Folge. Gleichzeitig erhält Criminal Minds dadurch eine Atemlosigkeit sondersgleichen. Aber es sind noch andere Dinge, die sie auszeichnen: Einmal der zwar ganz einfache, aber geradezu wichtige Fakt, der die Serie durchweg grundiert, dass Profiling zuvorderst Psychologie ist Statisitk ist angewandte Wissenschaft ist. Konnte man sich diese Tätigkeit in TV-Fiktionen bisher nur als übersinnliche Fähigkeit erklären, wird man hier von einer Vielzahl von Prozenten, Klassifizierungen und eben den Snippets geradezu erschlagen. Dass ist aber eben nicht so trocken, wie sich das zuerst anhört. Nein, jede Folge eröffnet das weite Feld der Anthropologie und der Kultur. Keine Folge, aus der man nicht klüger zurückkehrt. Keine, die nicht mit einem gescheiten Zitat beginnt und endet. Keine, die nicht ein Netz spannt, an dessen ausgefransten offenen Enden ein Buch, eine Person, eine Website, ein Film - eben ein Drang zum Mehr-Wissen-Wollen über den Menschen wartet. Das haben wir besonders der Figur des Dr. Spencer Reid zu verdanken, ein 20.000 Wörter pro Minute lesendes Genie, den man irgendwo zwischen originellem Gelehrtem und ungeschicktem Sonderling lieben lernt. Die Figuren sind sowieso ein großer Pluspunkt der Serie. Zwar nicht alle liebenswert, sind sie alle scharf und exakt gezeichnet und entwickeln ein lebendiges individuelles Wesen. Doch über allem schwebt immer: die große Menschlichkeit. Gerade in den Criminal Minds muss sie gesucht werden - dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. Gideon: "Well, the only truly effective weapon we have is our ability to do the one thing they can't. Empathize. They dehumanize their victims. We humanize the killers."

Offenheit ist demnach alles, was die Serie ist. Ob nun bei der Selektion der Themen, ihrer Behandlung (überfüllt und verkürzt eine Einladung zum Weiterforschen) oder ihrer kritischen Reflexion. (Selbstverständlich sollten nur diejenigen Zugang zu einer Sexualstraftäter-Datenbank haben, die von der Psychologie dieser Menschen etwas verstehen - dies ist eben nicht die amerikanische Bevölkerung.) Anstatt ihr Heil in übergreifenden Handlungszusammenhängen und romanhaften Erzählungen zu suchen, peppelt Criminal Minds das Villain-of-the-Week-Konzept auf und verleiht ihm Frischblut...

"Who is your worst enemy, Agent Gideon?"
"It's not a who, it's a what. Ignorance."



[Doch eine lange Meldung.]

Link(s) Criminal Minds - Staffel 1 auf DVD
(in: filmBlog, flimmerWelt, ganzPrivat) Kommentare (5) / Comment?


Kommentare

Bei all dem CSI, NCIS, The Closer, Numbers, Bones, Criminal Intent und den schlechten deutschen Kopien verfolgt Criminal Minds sicherlich einen etwas anderen Ansatz. Trotzdem hab ich so langsam keine Lust mehr auf Krimi-Serien. Insbesondere Criminal Minds reizt mich gar nicht (mehr).
"Die Figuren sind sowieso ein großer Pluspunkt der Serie. Zwar nicht alle liebenswert..." Ich find keinen sonderlich sympathisch. Liegt vor allem daran, dass alle so unheimlich intelligent tun. Generell sind mir Psychologen etwas suspekt.
"We humanize the killers." Der Täter wird bestimmt nicht durch Statistik vermenschlicht. Es sind einfach nur Zahlen, womit versucht wird, den Täterkreis einzuschränken. Das hat nichts mit Empathie zu tun.
Vielleicht ist mir das alles auch nur zu anspruchsvoll. Da schau ich lieber Jim Belushi dabei zu, wie er sich über Vegetarier lustig macht...

Daniel am 20.01.2008 um 12:53

sie tun ja nicht nur intelligent, sie sind es einfach. da musst du schon mit der fiktion mitspielen, ansonsten macht es wirklich keinen spaß. darüberhinaus geht es mir darum, dass sie alle individuell intelligent sind, also jeweils eine ganz bestimmte fähigkeit ins team bringen. das mag zwar normal für krimiserien erscheinen, aber bei anderen wird das nicht so konsequent durchgezogen wie hier. und die zusammenarbeit ist immer von einer großen menschlichkeit und gegenseitigem verständnis, von einer wärme geprägt. (hingegen bei csi - jedenfalls der miami-chose - hat das immer etwas von nem mechanischen uhrwerk.)

zur statistik und der menschlichkeit: klar, die statistik wird als werkzeug benutzt. aber die intuitive menschenkenntnis und die einfühlung sind ja ebenso wichtig (bei der besichtigung der tatorte, der viktomologie, der stellung des täters etc.). besonders die frage: wie gegenüber diesen menschen verhalten? das wird ja immer sehr ambivalent in der serie verhandelt - verachten, bemitleiden, verstehen, einsehen, gar nachvollziehen? (dass die serie aber überhaupt transparent macht, dass psychologie zu einem gros zahlen, zahlen und zahlen sind - und nicht hokus-pokus, das scheint mir eben ein novum. deswegen auch die gesonderte herausstellung...)

aber du bist ja eh krimi-serien-übersättigt. vielleicht ist ne auszeit für dich mal nicht schlecht

bekay am 20.01.2008 um 13:33

Hm, als du Freitag von der Serie gesprochen hast, wusste ich nicht genau, welche das ist, aber als ich das hier gelesen hab, wusste ich's dann doch. Die Folge mit dem Guantanamo-Häftling hatte ich gesehen und noch ein, zwei andere. Was du als so wunderbar komprimiert empfindest, ist mir wirklich zu viel. Speziell bei besagter Folge, ging mir das Gespräch echt zu glatt. Klar, wenn nach zwei Jahren endlich mal wieder einer vernünftig mit einem redet, kann man schon nachlässig werden im Bewahren von Geheimnissen, aber dass er sich dann doch (so schnell) verrät, das war mir zu abrupt. Das hat mich beim Anschauen wirklich richtig gestört.

Zu den Charakteren: gleich, als ich die Serie zum ersten Mal gesehen habe und gleich das ganze Team um den Tisch saß, dachte ich mir: Och nö, nicht schon wieder der typische Computerspezi, mit, sagen wir's mal höflich, "ungewöhnlichen" Äußeren. Diese wahllos angebrachten Zöpfe, naja, ich weiß nicht... Gut, das sollte nicht das sein, das einen dazu bringt, sich von einer (eventuell) guten Serie abzuwenden, aber es passt zu dem doch so Schemenhaften der Krimiserien, in das diese Serie gezwängt wurde.

Du betonst so das Wissenswerte, das jedesmal rüberkommt. Ich muss ich sagen, ich wär ich nicht mal auf die Idee gekommen, die Infos so für bare Münze zu nehmen. Aber gut, wenn man das vorher weiß, dass es (höchstwahrscheinlich) fundiert ist, sieht man das sicher noch auf eine andere Art. Ich find's ja auch toll, durch Filme wahre Dinge zu erfahren, zu denen man sonst kaum Zugang hätte bzw. mit denen man sich sonst nicht aus eigenem Antrieb zielgerichtet beschäftigen würde. Aber von einer Serie erwarte ich das wie gesagt gar nicht. Bei bestimmten Filmen schon eher. Grade das ist aber natürlich ein interessantes Novum. Novum? So neu ist das sicher wiederum nicht, oder? Gibt's das nicht schon bei anderen Serien? Ich weiß es nicht. Aber wenn du es so betonst, wird es bei Krimiserien schon was Besonderes sein, oder?!

Jedenfalls stört mich dieses Gestelzte (bzw. auf mich als solches Wirkende) der Charaktere und das zügige "Glattlaufen" der Handlung zu sehr, als das ich die Serie wirklich toll finden könnte.

Aber schön, mal wieder was von dir gelesen zu haben, Benni.

P.s.: Schlafen ist wohl nicht (wenn ich mir die Zeit des Eintrags angucke)? Oder hattest du grad 'nen Marathon von Criminal Minds hinter dir, nach dem du den Eintrag hier noch im Rausch verfasst hast?!

Beste Grüße! Die Judith

Judith am 20.01.2008 um 16:31

benni is back.

ich musste gerade tierisch grinsen, weil ich mir momentan den UNO-Bericht über G-Bay (wie ich es liebevoll abkürze) durchlese. Und dann dein interessanter Hinweis über die Landebahn. Dann weißt du ja auch, dass es eigentlich zwei Lager sind. Und an der Stelle gibt es schon seit über 200 Jahren so ein Lager. (Bloß die Gefangenen und die Wachen wechseln sich ab.)

Heute kommt übrigens die 24 minutes episode der Simpsons. Mit meinen allerliebsten Folterer Jack Bauer.

Ich könnte übrigens Hilfe vom Criminal Minds Team gebrauchen: die Memos vom Weißen Haus und die Field Manuals sind echt schwer zu verstehen. Ich sag nur: Neusprach.

bis denne

antje am 20.01.2008 um 17:48

@judith: eigentlich wollte ich dir schon vor wochen antworten - aber irgendwie habe ich's verschlafen trotzdem noch ein, zwei gedanken.

"Aber wenn du es so betonst, wird es bei Krimiserien schon was Besonderes sein, oder?!"

gut, ich bin kein krimi-experte, aber die masse und dichte an beschriebenen snippets ist mir SO noch nicht in einer serie aufgefallen. und wenn, dann ergeht man sich eher in chemischem, medizinischem und computer'schem kauderwelsch. bei CRMINAL MINDS ist immer der mensch das letzte zuordnungsobjekt (und nicht irgendeine methode oder technisches gerät), demzufolge nehmen sich die infos auch interessanter aus, wie ich finde.

"gleich, als ich die Serie zum ersten Mal gesehen habe und gleich das ganze Team um den Tisch saß, dachte ich mir: Och nö, nicht schon wieder der typische Computerspezi, mit, sagen wir's mal höflich, 'ungewöhnlichen' Äußeren."

nun ja, penelope garcia ist platt, wie du sie hinstellst, eigentlich nicht. die macher haben auch hier interessante bedeutungsebenen eingebaut - einmal ist penelope eine griechische mythenfigur, die frau des odysseus, die sich während seiner odyssee die freier durch eine list vom halse hielt. "Sie brauchete allerhand Vorwand, die Wahl eines neuen Gemahles unter den Freyern zu verschieben, worauf diese mit aller Heftigkeit drangen. Endlich versprach sie, ihnen zu willfahren, wenn man sie nur ein Gewebe vollenden ließe, welches sie angefangen und für den Laertes bestimmet hätte. Man bewilligte ihr solches. Allein, was sie den Tag über gewebet hatte, das trennete sie des Nachts wieder auf. Hiermit hielt sie unvermerkt drey Jahre lang die Freyer hin." (heydrich, gründliches mythologisches lexikon, 1770) und da passt es nicht schlecht, die penelope aus CRIMINAL MINDS als göttin oder muse des netzes zu bezeichnen. in der serie stellt sich ihr kein widerstand, keine zeitverzögerung bei der bergung von digitalen informationen entgegen. so ist es nur folgerichtig, dass einer der anderen charaktere der serie, derek morgan, sie regelrecht anbetet - allerdings meist nur über eine mediale verbindung, das handy. auch hier beweist die serie dichte und offenheit.

bekay am 07.02.2008 um 11:58


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