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Samstag, der 16.01.2010, 15:03
Signs: Überblick über die Filmkritik

M. Night Shyamalans SIGNS wurde von der Filmkritik als Niedergang eines Wunderkindes inszeniert, in das jeder Hoffnungen gesetzt hatte. Von 31 Kritiken* sind 39% positiv, 42% unentschieden und 19% negativ. Statt die Kritiker-Zunft jedoch in Lager zu spalten, hat der Film den Kritiker selbst in ein Dilemma versetzt. Das sieht man an der hohen Anzahl der Unentschiedenen. Diese Dilemma drückt sich meistens folgendermaßen aus: Inszenierung hui, christlich-faschistoide Zwangsbotschaften pfui! Aber dazu später mehr...

Nun, es war die Zeit des Fazit-Ziehens. Kam SIGNS, kam der Rückblick auf Shyamalans zwei vorherige Filme und deren endgültige Bewertung. Da das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek im Zuge des Kinostarts von SIGNS den Regisseur als "next Spielberg" betitelte, musste das natürlich irgendwie mitverarbeitet werden. Seine "Besinnung auf filmische Tugenden" jenseits reißerischer Effekte (Everschor, film-dienst), die "unaufhörliche Unterwanderung der Hollywood-Maxime des faster, bigger, more" (Happe, Schnitt) und der "soveräne Umgang mit Bild, Farbe und Ton" (Platthaus, FAZ) wurde ihm positiv beschieden, obwohl gleichzeitig gemutmaßt wurde, dass "Shyamalan Variationen desselben Films dreht" (Peters, taz) und sich mittlerweile eine gewisse Formelhaftigkeit herausbildet (Newman, Sight & Sound). Jedenfalls wurden die Stifte für die Doppelstriche gezückt. Nachdem schon UNBREAKABLE einen eher gemischten Eindruck hinterlassen hatte, erwartete man nun Anschluss an THE SIXTH SENSE.

Die Dreharbeiten zu SIGNS begannen am 13. September 2001, zwei Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Allzu viele Kritiken gingen nicht darauf ein und ob sich nun in der "klaustropischen Grundstimmung" des Films "die Ängste einer traumatisierten Nation" spiegeln (Schröder, Tagesspiegel), will ich dahingestellt lassen. Aber einige Aspekte, wie das Nachvollziehen der Invasion über den heimischen Fernseher, schlagen doch bemerkenswerte Brücken zur Realität.

Die humorvoll-skurillen Töne, die SIGNS durchdringen, waren vielen Kritikern aufgefallen. Jürg Zbinden in der NZZ hat diese Form von Humor beispielsweise sehr irritiert. Und auch anderswo durchfuhren die Renzensenten Momente der Unentschiedenheit: "almost too bizarre to be funny" steht im New Yorker und Newman macht die Lacher von der Stimmung abhängig: "Signs gets as many laughs as gasps, and it's a moot point as to how many are intentional." Besonders gefallen hat mir aber, dass Andreas Platthaus die von Joaquin Phoenix "leicht debil" gespielte Figur des Merrill Hess als "drittes Kind" im Ensemble verstand. Das deckt sich sehr mit meiner Perspektive auf Shyamalans spätere Filme, in denen das Kind immer mehr im Erwachsenen zu finden ist.

Hier und dort wurde sich darüber echauffiert, dass das Finale einen unverstellten Blick auf ein Alien bereithält. Dass dieses nun viele für gummös und grün hielten, scheint aber eher darauf hinzuweisen, dass der Blick so unverstellt nicht gewesen sein kann, denn diese Beobachtungen stimmen einfach nicht mit den Bildern überein. Interessanter ist da eher schon Anthony Lanes Bemerkung, dass die Mise-en-scène etwas von einer grotesken Parodie einer Pietà hat.

Damit kommen wir zum Anfang zurück - den Missionierungsversuchen des Shyamalan. Daniel Haas brachte die herrschende Meinung, deren Argumentation unter ideologiekritischen Gesichtspunkten durchaus seine Stärke hat, sehr gut zum Ausdruck: "Gegen den Glauben an höhere Mächte ist dabei grundsätzlich nichts einzuwenden[...] Doch 'Signs' koppelt die religiöse Spekulation an eine heikle Frage: Kann man ein guter Vater sein und zugleich Atheist oder Agnostiker? Der Film sagt nein und verschärft damit das Konzept einer paternalistischen Gesellschaft, in der es zwischen richtig und falsch keine Nuancen geben kann." Man könnte natürlich die angebliche Offenbarung am Ende des Films als letzen Kalauer betrachten: Wenn Graham Hess (Mel Gibson) seinen Glauben wiederentdeckt, weil er die grausame Zweiteilung seiner Frau durch ein Auto, das schwere, asthmatische Leiden seines Sohnes, die nahezu geisteskranke Eigenart seiner Tochter und die zerstörte Baseball-Karriere seines Bruder als von Gott eingeleitete Ereignisse interpretiert, die das Überleben der Alien-Invasion ermöglichten, dann ist das doch fast schon wieder eine zynische Dekonstruktion von Glauben... Hanns-Georg Rodek machte dazu in der Welt noch eine sehr scharfsinnige Beobachtung: "Gibson und Familie überstehen die Belagerung des Bösen nicht dank ihres Glaubens, sondern trotz ihres Unglaubens."


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, FAZ Online, FAS, SZ, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Der Standard, NZZ, Focus, Scope, kamera.co.uk, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, 2x The Guardian, The Observer, 2x The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Dienstag, der 12.01.2010, 00:28
The New World

Was heißt es wohl, an einem Set von einem Malick-Film zu sein?, frage ich mich nach der einmaligen Erfahrung seines letzten Filmes THE NEW WORLD. All seine Filme sind sonderbare Reisen.

(Regieanweisung) "Ja, Colin, jetzt gehe einfach da lang und schau in den Himmel."
"Wo lang genau?"
"Oder besser: Du schaust dir einfach diesen wunderschönen Baum an und sagst nichts."
"Also jetzt zum Baum?"
"Nein, warte! Lauf einfach durch diese hohen Gräser und starre mit großen Augen durch das Dickicht."
"Und dann?"
"Nichts..."

Gar nichts. Außer einer Figur, die mitten in der Natur steht. Terrence Malicks Filme sind erst einmal genau das: Filme über Personen, die in der Natur stehen, durch die Natur gehen, mit der Natur arbeiten - die ihre Umgebung erfahren. Und der Zuschauer ist immer dabei, die Kamera kommt den Gesichtern und Körpern nahe, zu nahe, berührt sie fast, dann bewegt sie sich wieder von ihnen fort, nimmt Landschaften ins Blickfeld, wie sie schöner nicht sein könnten. Der Schnitt ist elliptisch und radikal, reißt uns hin und zurück in der Zeit, überspringt Sekunden, Minuten, Tage, Monate, Jahre mit Leichtigkeit. Alles ist im Fluß - und wir werden mitgerissen. Erfahrungsschnipsel leuchten vor unseren Augen kurz auf, flackern, vergehen. Diese Technik bar jeder erzählerischen Konvention intensiviert das Gefühl, etwas zu beobachten, was wir sonst selten in einem Film sehen: das Erleben der Welt. Oder eben: der neuen Welt. Jedenfalls in diesem Versuch, die Pocahontas-Geschichte neu zu erzählen. "Versuch", weil ich nicht weiß, inwiefern Malick hier bei den historischen Fakten der "westlich kultivierten" Indianer-Prinzessin bleibt. Sei es drum - so wichtig will es mir nicht erscheinen. Diese Geschichte nutzt Malick einmal mehr dazu, darüber zu meditieren, wie der Mensch und seine Umgebung aufeinander wirken, zur einen Seite Gedanken formend, zur anderen Natur verändernd. Ich muss hier auch abbrechen, so gewaltig will mir Malick erscheinen. Ach ja, eines will ich noch sagen: THE NEW WORLD ist ein Liebesfilm. Der wundervollste, den ich in den letzten Jahren gesehen habe.



(Ach ja, dieses eine noch: So geht das, Herr Cameron!)

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Montag, der 11.01.2010, 01:12
Lady in the Water

"What kind of person would be so arrogant as to presume the intention of another human being?"

"Story wants to go home and she can't."


Zwei Schlüsselsätze aus LADY IN THE WATER, die ganz gut an das Verständnis dieses Filmes heranführen. Der erste ist natürlich eine leidenschaftliche Absage an den Intentionalismus, derer sich der Regisseur Shyamalan durch die Filmkritik ausgesetzt sah. Ich selbst sehe mich ja als Antiintentionalist und halte diesen Film für eine Verteidigung dieser Denkrichtung. LADY IN THE WATER ist ein Märchenfilm, der seine eigene Beziehung zum Märchen auslotet. Er trägt seinen Subtext offen vor sich her - was ihn sehr angreifbar und gleichzeitig unendlich vieldeutig macht. Deuten oder angreifen, das ist hier die Frage! Denn ob die Story nach Hause kommt - die Geschichte erhört wird - hängt letztendlich nicht von ihr ab, sondern vom Zuhörer respektive Zuschauer.

Es war einmal in einer idealisierten Alltäglichkeit in einer Apartment-Anlage in Phiadelphia. Der Hausmeister Cleveland Heep (Paul Giamatti) kümmert sich liebevoll um die verschrobene Multi-Kulti-Mieterschaft und ihre Probleme. Hier herrscht bedrückende Normalität. Diese sieht sich bald einer anderen Welt ausgesetzt und zwar der des Märchens, der Sage, der Gute-Nacht-Geschichte. Diese fantastische Welt ("The Blue World") bricht über den Swimming-Pool, in dem eine Nymphe lebt, in die Realität ein. Sie ist eine Narf und ihr Name ist Story (Bryce Dallas Howard). Story muss gerettet werden vor bösen Mächten, die mit ihr in die Tristesse des Wohn-Komplexes eingedrungen sind. Wie rettet man Story? Also anders gefragt - der Film trägt bekanntlich seinen Subtext offen vor sich her: Wie rettet man eine Geschichte? Ganz klar, in dem man sie kennt, erzählt und tradiert. Cleveland kennt die Geschichte der Narfs ganz offensichtlich nicht. Sie ähnelt allerdings einem koreanischen Märchen, soviel kann Studentin Young-Soon Choi (Cindy Cheung - was für eine großartige Verkörperung des weiblichen Uni-Slackers!) Cleveland sagen. Sie hat die Geschichte, die ihr als Kind erzählt wurde, leider vergessen - wie das Erwachsene im Zeitalter des Nicht-Mündlich-Tradierens eben zu tun pflegen. Ihre Mutter hingegen kennt das Märchen - da sie aber nur koreanisch sprechen kann und sowieso auf Kriegsfuß mit ihrer Tochter steht, da ihr Slackertum eben nicht gerade den Weg sozialen Aufstiegs verheißt, erfährt Cleveland die Details der Geschichte nur schrittweise während des Filmverlaufs. Diese Zerstückelung des Märchens ist gleichzeitig eine Analyse (griech. analysein: auflösen). Dadurch, dass uns die Geschichte nicht richtig erzählt wird, wirkt sie unglaublich lächerlich und zerfällt in ihre Bestandteile: so werden die Funktionen und Regeln der Geschichte offengelegt. Shyamalan macht eigentlich nichts anderes als die Morphologie des Märchens aufzuzeigen, wie es z.B. der russische Märchenforscher Vladimir Propp getan hat.

So erfahren wir von den Scrunts - bösen Biestern, die die Narfs angreifen und vom Kontakt mit den Menschen abhalten wollen. Eigentlich werden sie von den Tartutics - drei affenähnlichen Wesen, die gewaltsam die Ordnung und das Recht in der Blue World aufrechterhalten - in Schach gehalten. Allein, da Story keine normale Narf, sondern die Madam Narf - die zukünftige Königin ihres Volkes - ist, sind die Scrunts besonders hartnäckig. Story braucht also Hilfe, um in ihre Welt zurückzukehren, wie der Held in einem Märchen immer Helfer benötigt: Diese werden uns in Form von Aktanten vorgestellt. Das sind Handlungsrollen, die unabhängig von einer speziellen Figur eine Funktion im Märchen erfüllen: The Symbolist, the Guardian, the Guild, the Healer. Nun ist es an Cleveland, diese Handlungsrollen mit Mietern aus den Apartments zu füllen. Und es ist an den Mietern, ihre Rolle zu spielen. Was sie dazu benötigen, sollte man im Kontext meiner bisherigen Texte leicht erraten können: ihre Kindlichkeit und Unschuld. Denn das erlaubt es ihnen, an Märchen zu glauben und offen für das Fantastische zu sein. Eine konzisere und kompaktere Darstellung der Funktionsweise von Märchen und ihrer engen Verschlungenheit mit dem kindlichen Gemüt hat man in einem Film wohl selten gesehen. Und dazu noch urkomisch und hochgradig skurril!

Insofern sollte man auch mal mit den ewigen Vorwürfen der Religiösität und Spiritualität Shyamalans Schluss machen: Das Märchen ist nicht etwa eine höhere Macht, die von außen an die Bewohner der Apartment-Anlage herantritt. Das Märchen wirkt von Innen, es entsteht ausschließlich aus dem Menschen selbst. Er erweckt es zum Leben. Märchen ist für Shyamalans deckungsgleich mit: Gott, Liebe, Kindlichkeit, Unschuld.

Zu Shyamalans durchaus problematischen "Cameo-Auftritt": Man muss nun wissen, dass die Narfs aus einem ganz bestimmten Grund die Nähe zur Realität suchen. Ihre Aufgabe ist es, einen bestimmten Menschen (Vessel) zu inspirieren (das Gefäß zu füllen), so dass er Gutes tut. In diesem Fall ist das ein Autor, gespielt vom Regisseur höchstpersönlich, mit Schreibblockade. Nach einem Treffen mit Story ist diese wie weggeblasen und sein ominöses Werk, nur "The Cookbook" genannt, sei dazu vorherbestimmt, einen Jungen derart zu beflügeln, dass er "Leader of this Country" wird. So die Prophezeiung Storys. (Im englischen Wikipedia-Artikel steht, damit wäre der US-Präsident gemeint - anhand der im und durch den Film offengelegten Märchen-Funktionsweise, besonders ihrer Vagheit und Austauschbarkeit, halte ich das für einen intentionalistischen Gewaltakt.) Es kommt noch härter: Dazu muss der Autor sterben, denn erst dadurch wird das Cookbook zum Märtyrer-Klassiker, welches Wirkung entfalten kann. Shyamalan trägt gewiss dick auf, aber wenn man den Film, wie ich, als Appell für die Tradierung von Geschichten - und der damit verbundenen Erzählkunst - versteht, so ist seine Rolle nichts anderes, als eine Fußnote dafür, was Story vermag... Überhaupt: die ironische Brechung mit dem Titel "Cookbook" ist eigentlich Material genug, aus diesem Handlungsstrang einen messianischen Witz zu backen.

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Sonntag, der 10.01.2010, 17:18
Unbreakable: Überblick über die Filmkritik

Bereits mit UNBREAKABLE, Shyamalans Film nach dem Überraschungshit THE SIXTH SENSE, begann sich die Filmkritik zu spalten. Von 24 Kritiken* sind 58% positiv, 17% unentschieden und 25% negativ. Der Regisseur war in der Gunst der Rezensionskaste gesunken. Traurigerweise hatten die wenigsten Kritiker genug Selbstreflexionskraft, die schwierige, ja fast unmögliche Lage des Regisseur nach seinem sowohl kritischen als auch finanziellen Erfolg zu erörtern. Wie Manfred Müller so schön schrieb: "Diesem Vergleich muss sich Shyamalan stellen allein auf Grund der zeitlichen und auch stilistischen Nähe beider Arbeiten, auch wenn das die eigentlichen Qualitäten seines Films verdeckt." Vor Enttäuschtsein im Angesicht des Vorgängerfilms vergaßen einige Kritiker wohl, sich UNBREAKABLE etwas genauer anzuschauen. Der Vergleich mit THE SIXTH SENSE ist allgegenwärtig und das durchgängige Motiv der Kritiken.

Was verbindet nun eigentlich beide Filme? (Einmal abgesehen vom Hauptdarsteller Bruce Willis.) Beide kreisten "um die Wahrnehmung und um die unterschiedlichen Arten, sie zu erfahren" (Sterneborg, SZ), beide spielten im "Reich des Übersinnlichen" (Müller, Spon) und hätten "die spielerische Verwirrung der Realitäts- und Genreebenen" (Kohler, FR) gemein, beide seien "supernatural thriller with a twist" (Bradshaw, The Guardian), und mit einer "deadpan melancholy" getränkt (Michtell, NYT) - und hier wie da gehe es um die Selbsterlösung einer Figur, worauf besonders die deutsche Presse, allen voran film-dienst, ein Augen geworfen hat. Für manch einen legten diese Ähnlichkeiten die Vermutung eines "Copycat-Films" (Turan, Los Angeles Times) nahe, für andere war die Fähigkeit, das Übernatürliche im und aus dem Alltäglichen entstehen zu lassen (Schickel, TIME), nun schon zu einem Stil & Markenzeichen Shyamalans geronnen.

Was jedenfalls stark auffällt, sind zwei ganz neue Aspekte, auf die die Filmkritik sehr aufmerksam ihr Auge gelegt hat: Die Formalästhetik und Philadelphia als Setting. Die Kritiker überschlugen sich mit teils sehr präzisen Beschreibungen der außergewöhnlichen, für Hollywood untypischen visuellen Mittel: Seien es die auffälligen Point-of-View-Shots, die langen Plansequenzen, die Auflösung des Schuss-Gegenschusses oder die komischen Kamerawinkel und mittleren bis weiten Einstellungsgrößen bei Dialogsequenzen. John Atkinson behauptete, diese Bild-Ästhetik wäre "for no good reason" und nannte als Beispiel eine Szene, die fast komplett als Reflektion in einem Fernseher gezeigt wird. Michael Kohler in der Frankfurter Rundschau hätte ihn eines besseren belehren können: Sehr genau beschrieb er die Spiegelsequenzen im Film und deutete sie souverän als Sinnbilder der - ja, eben! - Glasknochen-Krankheit der Figur des Elijah Price (Samuel L. Jackson). Denn gerade in den Flashbacks, die uns in seine Vergangenheit führen, sind die Spiegel-Einstellungen derart dominant. Anhand solcher Befunde will es mir einigermaßen schief vorkommen, dass Rüdiger Suchsland (einmal mehr in unverkennbarem Husch-Husch-Stil) Shyamalan das "Prinzip, alles zu sagen, statt zu zeigen" hinterherdichtete und Helmut Merschmann in der epd Film irgendetwas davon schrieb, dass der Fortgang der Geschichte nur im Dialog stattfände. Fehldiagnosen par excellence! Nun zu Shyamalans Heimatstadt, der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Philadelphia. Hier war man sich eigentlich einig, dass das Netz zwischen der unheimlichen Atmosphäre seiner beiden Mystery-Filme und der eigenständigen Architektur Phillys ("verwinkelte, rotbraune Backsteinbauten, das bedrohliche Pathos neogotischer Architektur", Pauli, Focus) sehr eng geflochten ist.

Die eigentlichen Spalter-Themen waren (1) die gewöhnungsbedürftige Entscheidung, eine Superhelden-Origin in einer so lähmenden, ernsten und pessimistischen Art zu erzählen und (2) der Plot-Twist.
(1) Wie uns der unter dem Kürzel apl (aller Wahrscheinlichkeit nach Andreas Platthaus) firmierende Autor in der DVD-Rezension zu UNBREAKABLE in der FAZ mitteilt, handelt es sich bei dem grundlegenden Plot um eine Origin Story, eher den Amerikanern und weniger den Deutschen aus Superhelden-Comics bekannt. Einige Filmkritiker fanden solch eine Geschichte einfach zu kitschig und abgedroschen, so dass ihnen die Ernsthaftigkeit der Präsentation und der Filmfiguren nur noch lächerlicher erschien: "Willis is almost morbidly withdrawn as the security guard, though his underplaying isn't enough to divert us from the corniness of his secret potential." (Anthony Quinn, The Independent) Das kann man auch anders sehen, beweist Thomas Wirtz' schöne Kritik in der FAZ. Schon fast müßig erklärt er die "maßlose Zeitvernichtung" in der ersten Hälfte des Films als perfektes Darstellungsmittel des "langsam dahin Vegetierenden", der "wandernden Schlafpille", des "depressiven Kleinbürgers". Die Entdeckung der Superhelden-Kräfte sei der schwere Weg der Selbstfindung, den David Dunn (Bruce Willis) zu gehen habe.
(2) Der Plot-Twist von UNBREAKABLE ist ebenfalls sehr schwer außerhalb des Subtextes der Comic-Mythologie zu verstehen, insofern er wohl auch eher Subtext-Twist genannt werden sollte. Auf einer reinen Handlungsebene wirkt er gewiss eher effekthascherisch. Denn durch ihn werden die Figuren des Elijah Price und David Dunn endgültig zum typischen Comic-Sujet transformiert: Zum Superhelden und seiner Nemesis, seinem Erzfeind, dem Superschurken. Die Kritiker-Reaktionen fielen dementsprechend sehr gemischt aus: enttäuscht, gleichgültig, erbost, überrascht, erfreut. Dass man den Twist auch überhaupt nicht erwähnen muss und genug zum Film sagen kann, weil er auch schon so faszinierend genug ist, bewies Anke Westphal in der Berliner Zeitung.

Noch eher am Horizont leuchtete der Mythos von Shyamalans Exentrik - und die verhängnisvolle Verwechslung eines Films mit seinem Regisseur, die damit einhergehen wird. Urs Jenny war im Spiegel derart in seinem Intentionalismus verfangen, dass er den Film vor lauter Shyamalans nicht mehr sehen konnte.

Ich will mit dem Kritiker David Denby vom New Yorker schließen, der anscheinend eine neue Art Kino-Physiognomik begründen wollte: Oder wie anders kann man sich erklären, dass Bruce Willis' Kopf in UNBREAKABLE wie ein "enormous, melancholy egg" aussähe oder er Haley Joel Osments "extraordinary face" in THE SIXTH SENSE mit einer beängstigenden Akribie beschrieb: "pale, with a pointed chin, a tiny mouth, with a curling upper lip, and eyes that go red at the rims with fear." Na, so lange Shyamalans Filme zu solchen Beobachtungen einladen...


* film-dienst, epd Film, Schnitt, 2x FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, taz, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Focus, artechock, kamera.co.uk, Sight & Sound, The Guardian, The Observer, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Sonntag, der 10.01.2010, 01:32
The Village

THE VILLAGE wird man wohl gut und gerne als Shyamalans geschicktestes Perspektiven-Experiment beschreiben dürfen. Zuerst muss ich ganz ehrlich zugeben, dass dieser Film einer meiner Lieblingsfilme ist und würde ich jemals eine Liste meiner All Time Favorites erstellen (was ich niemals tun würde), wäre dieser immer mit dabei.

Wovon THE VILLAGE handelt, ist wohl weitestgehend bekannt: Von einer Dorfgemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts, abgeschnitten von der großstädtischen Zivilisation durch einen Wald, in dem Monster hausen - von der Gemeinde Those we don't speak of genannt. Am Ende werden einem gleich zwei Enthüllungen geboten: Die Monster sind nur Schwindel, erdacht und sogar verkörpert von den Dorfältesten. Genauso wie die Zeit und zeitgemäße Lebensweise in diesem Dorf nur Täuschung ist: Die Dorfältesten sind moderne Großstädter, deren Vergangenheit von gewalttätigen Schicksalsschlägen geprägt war. Aus diesem Grund haben sie diese autarke und von Zeit und Raum abgeschnittete Gemeinde gegründet - um ihren Kindern die Unschuld zu bewahren.

Shyamalans Abwehr-Reaktion auf die platte Kategorisierung seiner Werke als Plot-Twist-Filme ist dieses Mal eine Kaskade von Plot-Twists - denn zwischen den zwei bereits erwähnten macht die Handlung einen weiteren Haken, indem sie kurz die Möglichkeit andeutet, Those we don't speak of gäbe es wirklich. Dass es Zuschauer gab, die sich das alles vorher denken konnten, kann ich mir nicht vorstellen - aber falls doch, gratuliere ich ihnen zu diesem Wissen! Es ist jedenfalls ganz unerheblich für Shyamalans pfiffige Erzählstrukur: Er führt die Zuschauer mit den Augen der Kinder in die Dorfgemeinschaft ein. Das erste Mal hören wir von Those we don't speak of, als Edward Walker (William Hurt) der Schulklasse die Geschichte und Art dieser Wesen (wahrscheinlich ein weiteres und nicht das letzte Mal) erklärt bzw. eintrichtert. Wir sind die Schulklasse! Auch die Hauptfiguren, die blinde Ivy Walker (Bryce Dallas Howard), die gerne "Jungssachen" macht, und der verschämte junge Schmied Lucius Hunt (Joaquin Phoenix), sind "Kinder". Ihre Liebe zueinander und ihre Verlobung zeigen sie zwar in einem Übergangsstadium, welches jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Sie müssen reifen und wir mit ihnen - dazu gehören auch die Plot-Twists, die - sowohl für Ivy als auch den Zuschauer - ein höheres Verständnis der Welt verheißen. Jedoch muss bei diesem Prozess eines erhalten werden - eines der zentralsten Konzepte Shyamalans, Katalysator in all seinen Filmen und untrennbar mit seinem Glauben an das Kind verbunden: Unschuld (ein Wort, das oft in diesem Film fällt).

Geradezu subversiv ist Shyamalans Einfall, die monomythische Heldenreise, in dessen Verlauf es zu einer geistigen Reifung kommt, von einer blinden Frau bestehen zu lassen. Die Enthüllungen, die sich im Film selbstverständlich auf der visuellen Ebene abspielen, den Zuschauer mit und durch die Augen einer Blinden als Identifikationsfigur erleben zu lassen, darauf muss man erst einmal kommen! Passend dazu beweist Shyamalan einmal mehr seine Meisterschaft des Point of View: Wie setzt man den subjektiven Blick einer blinden Person um? Ganz einfach, man stellt die Kamera hinter diese Person, so dass der Zuschauer zwar mit ihrer Blickrichtung schaut, aber durch den Hinterkopf sein Sichtfeld versperrt wird.

Shyamalans Steuerung des Zuschauer-Blickes erlebt mit diesem Film ihren Höhepunkt und ihre dichteste Form. Wie er uns zuerst auf den kindlichen Blick festlegt, um uns dann im Laufe des Films die Welt zu entdecken - parallel zum Reifungsprozess der Heldin. Die "Plot-Twists" sind hier aufs engste mit der Handlung verflochten und somit gar keine Twists mehr, sondern fügen sich absolut organisch ins Ganze ein...

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Samstag, der 09.01.2010, 15:24
The Sixth Sense: Überblick über die Filmkritik

Die kritische Aufnahme von THE SIXTH SENSE im Jahr 1999 kann man als sehr achtbar bezeichnen. Von 23 Kritiken* sind 78% positiv, 13% unentschieden und 9% negativ. Die letztere Zahl rührt von zwei Verrissen, einer in der Berliner Zeitung, der andere in der New York Times. Die lesen sich wirklich sehr komisch, wobei ersterer sich anmaßte, wirklich alles verstanden und durchschaut zu haben und zweiterer dem Film süßlichen Kitsch unterstellte. Eine durchaus fragwürdige Beurteilung für einen so depressiven und pessimistischen Film.

Das Wichtigste voran: Regisseur Shyamalan wird [Scha-ma-lahn] ausgesprochen. Besonders die englischen Kritiken wurden nicht müde, dem Leser eine sprachliche Hilfeleistung an die Hand zu geben - das weist wohl daraufhin, dass man meinte, von diesem Regisseur nicht das letzte Mal gehört zu haben. Die Quelle dieser Information wird uns von Gilbert Adair eröffnet: Im Presse-Heft zum Film stand's.

Der Regisseur dieses aus dem Nichts kommenden, aber zum US-Kassenschlager avancierten Films war weitestgehend unbekannt. Mithin war THE SIXTH SENSE im Jahre 1999 noch kein Shyamalan-Film (heute ist er es schon), sondern ein Bruce-Willis-Film. Besonders in der deutschen Presse war Bruce Willis' Abkehr vom Action-Genre, welche er mit diesem Film weiter vorantrieb, vielbeachtet. Hier und da wurde sogar der Tod des Action-Genres verkündet, eine - aus heutigem Gesichtspunkt - etwas vorschnelle und lächerliche kulturelle Annahme. Bruce Willis jedenfalls war ein Star der 1990er und sein Auftreten und besonders seine "schauspielerische Leistung" in diesem ruhigen und kontemplativen Horror-Thriller waren der Filmkritik stets mehrere Zeilen wert. Vom subtilen gedämpften Spiel bis zum Vorwurf des Ein-Gesicht-Willis findet man alle Positionen vertreten. Regine Welsch klärt souverän (aber mit fragwürdiger Satzform): "Wer die grossen Schauspieler sucht auf der Leinwand, der hat das Prinzip Kino nicht verstanden. Wir werden also die Frage nicht klären, ob Bruce Willis ein begnadeter Mime ist."

Wenn man von Herrn Göckenjans Spott in der Berliner Zeitung absieht, der keinen "Verantwortlichen für den Erzähl-Ryhthmus", "träge dahinstolpernde Bilder" und eine "plätschernde Geschichte" sah, war man sich unter den Filmkritikern doch größtenteils einig in der Bewertung der Ruhe, Getragenheit und Langsamkeit des Films: Mit einfachsten Mitteln wird Atmosphäre geschaffen. Die Erwähnung von BLAIR WITCH PROJECT war somit fast schon obligatorisch - zwar weniger erfolgreich, aber ähnlich gelagert sowohl vom Thematischen (Grusel-Film) als auch von der Kosten-Einspiel-Relation (in beiden Fällen phänomenal). Nach den klotzenden Großproduktionen der 1990er sah man wieder ein neues, bescheidenes, jedoch trotzdem mitreißendes Kino am Millenniumshorizont (am falschen natürlich, die Jahrtausendwende kam dann ja erst ein Jahr später). Gerald Koll in Der Welt vermutete den Film gar in einer Reihe sogenannter Paranoia-Filme, die die Angst vor der symbolisch aufgeladenen Jahrtausendwende verkörperten.

Einige wenige Kritiker waren mit den verschämt durchs Bild huschenden Geistern nicht besonders zufrieden. Nur die Musik markiere, dass man sich nun zu Gruseln habe (Göckenjan), oder das Gespenst wird gleich einer kulturtheoretischen Analyse unterworfen. So Katja Nicodemus in der taz, die in den melancholischen Erscheinungen aus dem Jenseits eher Oscar Wildes Canterville Ghost repäsentiert sah. Ihrer Meinung nach sei dies der Ultramoderne nicht angemessen. Vielleicht wäre Sam Raimis TANZ DER TEUFEL Trilogie dann eher nach ihrem "geistreichen" Geschmack...

Nirgendwo unerwähnt bleibt der Plot-Twist am Ende des Films. Er ist das Motiv, welches sich durch alle Kritiken zieht. Verraten wird natürlich nichts, außer, dass etwas passieren wird, etwas Überraschendes, welches die Handlung umwertet. Göckenjan fällt einmal mehr aus der Reihe: Er beurteilte den "finalen Knalleffekt" als gänzlich perfides Ablenkungsmanöver und Marketing-Strategie, welcher die "Langeweile vorher" vergessen machen und für "Mund-zu-Mund-Propaganda" sorgen soll. Er attestierte dem Film, dass er nur von der Neugierde um dieses Geheimnis zehre und dem Zuschauer sonst nichts zu bieten habe. Was für eine Anmaßung! Sight & Sound scheint mir näher am Film, als sie jenem eine Faszination zusprach, die eben gerade nicht (bloß) vom Ende herrühre, sondern von seiner Rätselhaftigkeit, "from explaining next to nothing". Alle Kritiker jedenfalls sahen sich in der Pflicht, eine Inhaltsangabe aus der beschränkten Perspektive der Bruce-Willis-Figur zu schreiben, die noch nicht um ihren speziellen Status in der diegetischen Welt weiß - denn die Eröffnung seines speziellen Status des Seins ist ja eben der Plot-Twist, der eine Umperspektivierung des Zuschauers bedeutet. Diese Umperspektivierung wurde wohl von allen Kritikern als ein solches Erlebnis angesehen, dass es keinesfalls vorweggenommen werden durfte - es muss selbst erfahren werden. Hier und da wurde sogar der Effekt dieser Umperspektivierung lobend erwähnt: Der Zuschauer wolle den Film sofort ein zweites Mal sehen - herausbekommen, wie dieser einen hinters Licht geführt und somit eine beschränkte Erzählperspektive als einzig korrekte dargestellt hat. (Wieviele Filme können das schon von sich behaupten?) Auch wenn Gerald Koll und wenige andere meinen, am Ende "mag man dem Film seinen Schabernack übelnehmen", so gibt es auch die klügere Gegenmeinung: Fiktionale Erzählungen sind nun einmal sozial sanktionierte Formen der Lüge! Filme wie THE SIXTH SENSE oder auch FIGHT CLUB weisen selbstbezüglich auf diese kulturelle Übereinkunft hin, denn sie spiegeln in sich noch einmal das Verhältnis von Fiktion und Realität und ihre Brüchigkeit - z.b. in Form von einer subjektiven Perspektive und fiktiver Realität.

Aber über diese eigentümliche Faszination mit dem Spiel der Perspektiven hinaus vermag der Film gewiss auch bei der dritten usw. Sichtung zu fesseln, darauf hätte sich das Gros der Kritiker gewiss einigen können. Daran anschließend ist es interessant zu erwähnen, dass jede Kritik eine andere Genre-Bezeichnung für den Film bereithielt: Horror, aber dann doch eher ein sanfter Grusel-Film ohne billige Schock-Effekte. Ein Thriller oder ein psychologisches Drama? "Heroic-therapist movie" (nach der Washington Post ein vergessenes Genre der 1960er) und ein Subgenre des buddy movie, der den einsamen Mann und den traurigen Jungen vereint (Sterneborg, epd Film)! Shyamalans Kino wehrt sich gegen Kategorisierungen - deswegen war es in Zukunft auch immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Denn in ein Genre will ihn jeder stecken, obwohl alle seine weiteren Filme diese Erwartungshaltung fast schon süffisant unterlaufen: Den Plot-Twist-Film...


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Berliner Zeitung, NZZ, Focus, artechock, Scope, Sight & Sound, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Donnerstag, der 07.01.2010, 00:16
Signs

In SIGNS vollziehen sich hauptsächlich zwei Entwicklungen in Shyamalans Schaffen. Erstens erreicht er m.E. mit diesem Film sein volles Potential als Spannungserzeuger. Vielleicht ist es ja auch nur meine milde Alien-Phobie, aber seine "Irgendwo lauert der Außerirdische"-Szenen finde ich noch immer sehr effektvoll. Besonders auffällig ist, dass diese gar kein richtiges Ventil haben, sich also nicht entladen. Das ist der geschickten Kameraarbeit Tak Fujimotos zu verdanken, die immer mehr verschleiert als offenlegt. Selbst gegen Ende bleibt die Bedrohung im Dunkel, im Schatten, wird uns nur durch opake und verzerrende Glas- und Spiegelflächen gezeigt. Oder die Kamera bewegt sich gleich gar nicht, auch wenn um sie herum ein Chaos aus Geräuschen ausbricht. Zweitens ist SIGNS - neben allem anderen, was er ist - eine skurrile Komödie. Zwar noch immer sehr ruhig und leise inszeniert, ist dieser Film entschieden leichter und humoriger als seine zwei schweren, erdrückenden Vorgänger. Zu verdanken ist dies seinen drei Kinderdarstellern Rory Culkin, Abigail Breslin und Joaquin Phoenix (ja, letzterer spielt auch mit wunderschön unschuldigem Gemüt), die sich an komischen Marotten gegenseitig übertreffen wollen.

Im Herzen ist dieser Film natürlich einmal mehr eine clevere Umdichtung bzw. Entschlackung eines Genres. Der globale Alien-Invasionsfilm spielt endlich mal jenseits des amerikanischen Präsidenten oder der Helden, die in die UFO-Mutterschiffe fliegen, um diese prunkvoll in die Luft fliegen zu lassen. Shyamalan konzentriert sich kammerspielartig auf eine Pfarrersfamilie, deren Oberhaupt (Mel Gibson) nach dem Tod der Frau seinen Glauben verloren hat. Er, seine zwei Kinder und sein Bruder erfahren von der globalen Bedrohung der bevorstehenden Invasion nur über das Fernsehen - und dem Babyfon, das sie im Keller gefunden haben. Da ist es ja schon wieder, das Kind und seine Perspektive! Komischerweise ist also das Babyfon(!) prädestiniert dafür, die Nachrichten der Außeriridischen zu empfangen. Ebenfalls sind es die zwei Kinder, die die Kornkreise entdecken, die "Monster auf dem Dach" sehen - die schlichtweg offener sind für das Unglaubliche & Unheimliche. Am Ende werden die Kinder dann sogar zu göttlichen Zeichen überstilisiert, womit wir auch schon...

... beim "Plottwist" sind. Wo war der eigentlich? Soll etwa die "Auflösung" sein, dass alle bisherigen Ereignisse des Films (der Tod der Ehefrau und ihre letzten Worte, die Wasser-Marotte der Tochter, das Asthma des Sohnes) göttliche Fügungen waren, um die Invasion zu überleben? Das ist jetzt keine pikierte Frage an den Filmemacher, sondern an die Filmrezipienten. Der eigentliche Twist ist ja der: Diese Ereignisse werden als Zeichen göttlicher Fügungen interpretiert und sind es nicht einfach. Shyamalan betreibt nicht etwa religiöse Propaganda, wie es auf den ersten Blick scheint. Er ist klug genug, in der eindringlichsten Schauspielleistung des Films (Gibsons "Parabel von den zwei Menschengruppen") offen zu definieren, was Glauben ist: Eine Projektion des Menschen in Ereignisse, der in ihnen Zeichen eines höheren Wesens sieht. Für die Nicht-Gläubigen sind diese Ereignisse nur Zufälle. Der Twist ist also nicht, dass es Gott gibt - für solcherlei plattes Message-Kino scheint mir Shyamalan zu klug - sondern, dass wir Zeuge werden, wie jemand von der einen Menschgruppe zur anderen wechselt. Die Frage, ob Gott wirklich existiert, ist für diesen Wechsel vollkommen belanglos. Es ist eine Entscheidung, die der Mensch zu treffen hat.

Ach ja, Shyamalan ist ein Meister der Point-of-View-Shots - also Einstellungen aus der Perspektive von Figuren. Er verwendete sie bisher in jedem Film seit THE SIXTH SENSE und das in äußerst weiser und effektiver Weise.

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Dienstag, der 05.01.2010, 23:46
Unbreakable

Das Kind ist immer der treibende Motor (ganz abgesehen davon, dass es in Shyamalan-Filmen die schönsten Point of Views spendiert bekommt), auch in diesen, so viel leiseren, ruhigeren und unsentimentaleren Film als THE SIXTH SENSE. Natürlich ist UNBREAKABLE ebenfalls eine der besten Comicverfilmungen, selbst wenn der Film nicht direkt auf einem bestimmten Comic basiert. Alan Moores WATCHMEN - der Comic als auch seine Verfilmung - hat sich mit der Frage beschäftigt, was passieren würde, wenn man Superhelden in die Wirklichkeit verfrachtet. Fast bin ich geneigt zu sagen, Shyamalan gibt auf diese Frage eine noch viel radikalere Antwort. Trotz aller bleiernen Schwere des Films vergisst er dabei jedoch nicht, auch den realen Superheld vom Kinderblick abhängig zu machen. Ohne Würdigung gibt es keinen Helden...

Man könnte noch viel schreiben, z.B. dass schon hier das Plot-Twist-Konzept sebstbezüglich als solches entlarvt wird. Wer meint, Shyamalans Filme wären Variationen von einer Art Film - nämlich der mit überraschendem Ende - der hat schon hier nicht bemerkt, dass der Film unserer Erwartungshaltung einen Spiegel vorhält. Der Abwehrmechanismus gegen diese Erwartungshaltung wird in THE HAPPENING seinen krönenden und fulminanten Abschluss finden.

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Dienstag, der 05.01.2010, 13:26
Wide Awake

So schließt sich der Kreis. Dieser zweite Film von Shyamalan, vor THE SIXTH SENSE produziert, bestätigt eins über Allem: Dieser Auteur (in einer erst einmal ganz unwertigen Minimaldefintion: Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion) macht "Kinder-Filme". Damit meine ich nicht (nur) Filme für Kinder, sondern Filme über Kinder. Dieses Thema scheint ihn sehr zu beschäftigen. Hat er z.B. in THE HAPPENING sehr radikal an einem Rollentausch von Erwachsenen und Kindern gearbeitet - die von Mark Wahlberg und Zooey Deschanel gespielten Hauptfiguren verhalten sich stets und ständig äußerst kindisch (deswegen überleben sie übrigens) - so verwendet er hier eine weitaus gebräuchlichere Struktur für "Kinder-Filme": Er lässt Kinder äußerst reif und mit einem geradezu ultrafeinen Sinn für Ironie auftreten. Das ist nichts neues und überhaupt ist der Film für sich betrachtet eher konventionell: Der von Joseph Cross gespielte Joshua Beal ist auf der Suche nach Gott, denn er will sich des Wohlbefindens seines verstorbenen, gläubigen Opas versichern, zu dem er eine äußerst enge, liebevolle Beziehung hatte. Dabei zerfällt WIDE AWAKE in einzelne Abschnitte, die verschiedene Stationen und Anläufe dieser Suche schildern. Das gibt Shyamalan die Chance, sich sehr genüsslich und müßig dem Alltag der katholischen Schule, die Joshua besucht, zu widmen. Zusammengehalten wird diese Handlungsstruktur von einem Voice-Over Joshuas, der mit doppeldeutigen Kommentaren die Wirren des Glaubens, seiner Familie und der Schüler aufs Korn nimmt. Satire pur, urkomisch. Schon allein deswegen lohnt sich der Film. Auch die Gespräche zwischen Joshua und seinem besten Freund Dave sind teils von einer reflexiven Art geprägt, die hintergründig das eigene Kind-Sein mitkommentieren. Zehnjährige reden so selbstverständlich nicht - Spaß macht das trotzdem. Nun ist die Handlung selbst doch etwas zerrig - die Suche nach Gott natürlich als ein Coming of Age, ein geistiges Reifen des Kindes zu verstehen. Am Ende gibt es sogar eine göttliche Offenbarung. Da fragt man sich schon: Mystery um jeden Preis, auch wenn sie das eigentliche Coming-of-Age-Konzept konterkarriert?

Der Film hat also durchaus seine Schwierigkeiten. Aber eines merkt man ungelogen: Das inszenatorische Talent Shyamalans. Besonders auffällig wird es, wenn er aus dem Nichts und mit einfachsten Mitteln eine spannende und unheimliche Atmosphäre kreiert. Am Anfang z.B. geht Joshua in das Zimmer seines verstorbenen Opas, zieht dessen Hausmantel an, setzt sich auf den Schaukelstuhl und steckt sich eine Pfeiffe in den Mund. Diese ganz unscheinbare Szene ist geradewegs gruselig. Zwei Dinge faszinieren: Wie simpel es ist durch einen schlichten Inhalt und eine gewisse Kameraführung den Zuschauer schon so zu verunsichern. Zweitens: Es gibt keinen zwingenden Grund für diese Verunsicherung im Kontext des Filmes. Viel mehr ist es wohl so, dass das "Beklemmende" Teil von Shyamalans Filmen und den in ihnen gezeigten Welten ist. Es ist praktisch allgegenwärtig. Genauso wie das "Skurrile". Vielleicht sind es auch nur zwei Seiten einer Medaille. Schließlich ziehen sich beide Aspekte wie ein roter Faden durch sein Werk.

Shyamalan-Liebhabern, wie ich einer bin, würde ich diesen Film unbedingt ans Herz legen. Denn in den Konventionen dieses Frühwerks lassen sich so viele Einfälle, Brüche und Lücken finden, die den späteren Shyamalan klar andeuten und für eine reizvolle Geschlossenheit seines Oeuvres stehen, dass man damit sehr viel Spaß haben kann. Um die deutsche Vertonung mache ich hingegen in Zukunft einen großen Bogen - Synchronisation von Kindern ist ein schwieriges Feld und diese hier kommt doch sehr lustlos und größtenteils äußerst unnatürlich intoniert daher.

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Samstag, der 26.12.2009, 13:49
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Ich bin offiziell enttäuscht. Insofern kann man natürlich von einem gelungenen Kino-Erlebnis sprechen, aber meines Erachtens eben nur von einem Scheiß-Film. Zusammenhängend wird das jetzt nicht, was ich schreibe. Ich versuche also einmal mehr eine Stichpunktsammlung meinem verstreuten Gemüt abzuringen.

1. Mit 3D, besonders über solche Längen, wird Kino eine äußerst anstrengende Angelegenheit - noch anstrengender als es sowieso schon ist, sich in einen dunklen Saal einzuschließen und auf eine riesige Leinwand zu schauen, auf die ein gleißendes Lichtspiel den Augen etwas vorgaukelt. An dieser Feststellung führt kein Weg herum. Sein Gehirn nun mit zwei künstlichen Lichtspielen zur selben Zeit zu befeuern, damit jenes uns eine Dreidimensionalität vorgaukelt, die für meinen Geschmack sehr wenig mit dem echten Sehen zu tun hat, das zerrt an den Nerven. Die Wirkungen werden wohl stark von der erlebenden Person abhängen, aber Schwindel, allgemeines Unwohlsein, leichte Kopfschmerzen - all das wird das 3D-Kino verstärken. (Ich krieg so etwas ja schon beim Gang ins normale Kino.)
2. Trotz alledem: Natürlich sprengt Camerons Anwendung des 3D-Effektes jegliche Vorstellungskraft und lässt Bilder entstehen, die beeindruckend tief wirken. Aber sie stimmen eben trotzdem (irgendwie) nicht...
3. Besonders lästig allerdings ist die silberbeschichtete Leinwand, die man für das RealD-Verfahren braucht. Diese nun ist besonders empfindlich und gerade beim Aufspannen soll Acht gegeben werden. Ob nur im Erfurter Cinestar während der Installation etwas schief ging oder sich gewisse Schäden sowieso nicht vermeiden lassen, weiß ich nicht. Jedenfalls sieht man vertikale Wellenformatinen - also Streifen von hell und dunkel - auf dieser Leinwand. Diese sind so auffällig: machen einem die Materialität der Leinwand so bewusst, dass die Immersion, das Eintauchen ins Filmbild, stellenweise massiv gestört ist. Katastrophal statt lästig ist wohl der bessere Begriff.
4. Die Animation von Lebewesen - besonders von menschenähnlichen - hat mit diesem Film einen Quantensprung gemacht. Du nimmst diese blauen Aliens wirklich für voll. Dein Gehirn nimmt sie an und dieser "Das ist ein Effekt"-Moment wird einem nur klar, wenn man sich aktiv bewusst macht, dass ein Großteil des Films animiert ist. Aber solange man dieses Wissen verdängen kann: maßstabsetzend.
5. Mich interessiert nicht, ob hier die "ausgelutschte" Pocahontas-Geschichte erzählt wird: Mich interessiert nur, wie sie erzählt wird. Cameron geht auf Nummer sicher - überraschungsarm & genre-stereotyp bis weit hinter die erträgliche Grenze. Alles nicht so schlimm, wenn es einen wenigstens richtig packen und emotional angehen würde. Ich hab mich die ganze Zeit gefühlt, als ob ein kalter, toter, stinkender Fisch mich zu knutschen versucht. Hauptgrund:
6. James Horner. Geh nach Hause, du monströses Untalent, du Moloch der Kreativität! Klar könnte ich die alt bekannten Vorwürfe gegen ihn stark machen - man kann es auch nett formulieren: Er "zitiert" den ALIENS-Score - und alles andere, was nicht niet- und nagelfest ist (von ihm oder anderen Komponisten). Aber viel wichtiger ist, glaube ich, dass er der Hauptgrund ist, dass dieser Film emotional so verarmt ist. Die Filmmusik ist schrecklichster Ramsch und dümmstes Klischee - und das ist auch noch so unglaublich leicht herauszuhören...
7. Wo wir gerade bei Klischees sind: Camerons soziokulturelles Bild der Na'vi, des Volkes auf Pandora, vereint wirklich alle Klischees - welch niederen Formates und ideologischen Verschnitts sie auch immer sein mögen - die sich der Westen so von "Eingeborenen" und "Wilden" macht(e). Verklebt wird das alles mit Eso-Ethno-Kleister, der einen an der Aufklärung zweifeln lässt.
8. Die Imagination eines fremdartigen und faszinierenden Öko-Systems ist Cameron hingegen visuell vorzüglich gelungen - leider kommt der EE-Kleister auch hier zum Einsatz, um der Natur eine mythische Stimme zu verleihen. Ein bisschen weniger Kitsch hätt's auch getan, Jim! Hier und da brechen sich interessante Andeutungen zur Natur als Computer Bahn, mit der man (Daten-)Verbindung über verschiedene Arten von "Sticks" aufnehmen kann.
9. Auch wenn das schrecklich konservativ klingen wird und es mir peinlich ist, mit solchen öden Binsenweisheiten zu schließen: Nur weil's gut aussieht, ist's noch lange nicht gut. Filmisch ist der Film eine mittlere Katastrophe, seine Geschichte lustlos und stellenweise inkonsequent erzählend, zerfallen seine beeindruckenden Bilder zu Bilderabfolgen, nicht fähig, eine Einheit - den Film eben - zu erschaffen. Er bleibt Bilderschau, will aber mehr sein...

(Hätte er mehr Selbstironie-Signale, würde er wenigstens als Parodie von Blockbusterstreifen konsumiert werden können.)

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