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Samstag, der 06.11.2010, 11:13


Unfassbar!

(in: tagesThemen, flimmerWelt, studierStube) Kommentare (52) / Comment?


Dienstag, der 27.04.2010, 15:00
The Happening: Überblick über die Filmkritik

Man könnte die Filmkritik zu Shyamalans letzten Film THE HAPPENING unter der Überschrift "Die Unoffensichtlichkeit des Offensichtlichen" zusammenfassen. Ich war überrascht, dass die Stimmen gar nicht so giftig und hämisch ausfielen, wie ich erwartet habe. Der Schnitt ist trotzdem desatrös: Von 27 Kritiken* waren 19% positiv, 44% unentschieden und 37% negativ. Man beachte die hohe Zahl der Unentschiedenen. Der Hass, von dem gemeinhin behauptet wird, er schlüge dem Film entgegen, ist in den Print-Medien nicht zu entdecken. Dietrich Brüggemann verwies in seiner Schnitt-Kritik etwas herablassend auf das Internet: "Allerdings hat die Kritik sich in den vergangenen Jahren gewandelt, und das liegt vor allem am Internet. Dort ist eine ganze Szene entstanden, die nichts anderes tut, als möglichst frühzeitig Hollywoodfilme ans Tageslicht zu zerren, sie zu begutachten und bei Nichtgefallen darüber herzufallen. [...] Das wäre alles halb so wild, wenn nicht insgesamt der Verdacht entstehen würde, daß die Netzgemeinde mit ihrer geballten Schwarmintelligenz insgesamt ziemlich konservativ und ganz schön dumm ist. [...] alles, was im Rahmen des Mainstreams etwas abseitiger und experimenteller ist, wird gern plattgemacht, und kaum einer hat Lust, seine Stimme gegen das Gebrüll des digitalen Pöbels zu erheben." (Ich jedenfalls erhob oft eine Stimme: hier, dort über viele Seiten und auch da.) Wenn Anthony Lane also im New Yorker konstatierte: "Nevertheless, movies every bit as stumbling as The Happening, and far more savage, come out every month, and few are greeted with such contempt. Why should this be?" - dann wäre diese Frage wohl besser an die Netzgemeinschaft gerichtet. Die Berufszunft der Kritiker muss sich eher folgende Frage gefallen lassen: Warum habt ihr eure eigene Verwirrung nicht zum zentralen Thema gemacht?

Denn insgesamt waren sich die Kritiker gänzlich unsicher, womit sie es nun eigentlich zu tun haben. Klar erinnerten sie sich, dass Shyamalan bisher "employed, or even exploited, genre scenarios to similar ends—to question the unknown" (Michael Koresky, Reverse Shot). Aber was nun? "So is this a refugee movie? Is it a plague movie? Is it a civic-breakdown movie? Is it "The Birds"? Is it "The War of the Worlds"? Is it "Dawn of the Dead"? Or is it a crazy-old-lady movie?" (Stephen Hunter, Washington Post) Die am meisten genannten Genres, denen sich Shyamalan mit THE HAPPENING angeblich zuwendet, waren: Katastrophen-Film, Paranoia- und Öko-Thriller. Das Offensichtliche jedoch wurde selten erwähnt, vielleicht nicht einmal bemerkt. Weder gibt es im Film eine herkömmliche Katastrophe, noch Paranoia zu sehen und auch mit Öko hat er wenig zu tun. Die Bedrohung bleibt abstrakt. Anstatt diese Offensichtlichkeit zu reflektieren, wurde es dem Film und Regisseur als Mangel vorgeworfen: "Nur leider fehlt Shyamalans Film der Willen (und die Ausstattung), wirklich großes Katastrophenkino zu zeigen." (Andreas Borcholte, Spon) Ich kann mich des Einducks nicht erwehren, dass der Willen ganz woanders fehlte.

Bei der Auflösung des Films herrschte ebenfalls Erklärungsnotstand und manch einer kam zu elaborierten Fehlbeobachtungen betreffs diverser Plot-Twists: "Die Auflösung sei hier nicht verraten, führt aber teilweise zu milden Kichern." (Ulrike Mau, Die Welt) "Rasch wartet der Film mit der Erklärung auf, es seien die Pflanzen, die sich nun für die Aggressivität der Menschheit rächen wollten." (Gerhard Midding, Frankfurter Rundschau) Das stimmt schlicht und ergreifend nicht. Glücklicherweise wurden die meisten der deutschen Kritiker nicht Opfer ihres Shyamalan-Bildes und haben in der Hinsicht sehr differenziert festgestellt, dass der Film sich jeglicher Erklärung verweigert und rätselhaft bleibt. Dies wurde allerdings mit gemischten Gefühlen bewertet.

Bei der Bewertung der Darstellerleistungen trieb der Intentionalismus seine schönsten Blüten. Bis auf wenige Ausnahmen abgesehen ("warmherzige Haupdarsteller" meinte Jens Hinrichsen im film-dienst), ist das Spiel Mark Wahlbergs und Zooey Deschanels galligsten Anfeindungen ausgesetzt: "Mimen mit eingefroren fassungsloser Miene" (Andreas Platthaus, FAZ); "Shyamalan, sonst für seine subtile Schauspielerführung angesehen, vermag hier seinem Ensemble keine überzeugende Leistung abzuringen" (Michel Bodmer, NZZ); "clearly limited Mark Wahlberg und Zooey Deschanel" (Koresky); "She staggers around in a daze of bad acting, and the only thing Deschanel looks genuinely frightened by is the silliness of the script. But even she is not as weird as John Leguizamo, playing another mathematics teacher at Wahlberg's school. Quite frankly, he looks madder than a junkyard dog." (Peter Bradshaw, The Guardian). Schöner hätte man die offensichtlich grotesken Darbietungen der Schauspieler gewiss nicht beschreiben können. Jedoch gleichfalls offensichtlich für die Kritiker war, diese Darbietungen als Fehlleistungen zu interpretieren: "Zweites Problem: Shyamalan weiß offensichtlich nicht, ob er sein durchaus identifikationsstiftend ersonnenes Protagonisten-Ehepaar, das auch die Rettung der Tochter eines Freundes auf sich nimmt, ernst nehmen soll." (Jan Schulz-Ojala, Tagensspiegel) Eine allzu bekannte Rezeptionshaltung: Wenn man nicht weiß, ob man etwas ernst nehmen soll, dann projeziert man diese Verunsicherung einfach in den Film und seinen Regisseur.

Insgesamt fehlte es an ernsthaften Versuchen, sich mit den ganzen augenfälligen Fehlern, Unzulänglichkeiten und Macken zu beschäften, die der Film offensichtlich anhäuft. "Stutziger machen einen eher flache Psychologien und die Banalität mancher Dialoge, die man bestenfalls als komische Distanznahme (miss-)verstehen kann." (Dominik Kamalzadeh, Der Standard) "You wonder if this wasn't, for some reason, the effect Shyamalan was going for. Wahlberg's displays of emotion are alarmingly strained at times, and yet they never mesh with what's going on." (Carina Chocano, LA Times) Martin Schwickert hingegen konnte mit einer unvergleichlichen Selbstverständlichkeit die Brüche in ein größeres Konzept einbinden: "Mit schrägem Humor werden die Heldenklischees des Genres karikiert, wenn Shyamalan das kriselnde Liebespaar im Angesicht des herannahenden Todes ihre emotionalen Banalitäten herausstottern lässt." Und die oben bereits verlinkte Brüggemann-Kritik geht wahrscheinlich am weitesten in ihrer Verteidigung des Films: "Einige Situationen sind so seltsam, daß man nicht genau weiß, ob es Komik ist oder einfach mißraten. Das meiste, was man sieht, ist eher unspektakulär – und doch hat der Film einen seltsamen Sog, dem man kaum entkommt. [...] M. Night Shyamalan ist auf seine Weise ein Unikat. Er ist ein Mainstream-Autorenfilmer – jemand, der seine unverwechselbare Handschrift, seine persönliche Weltsicht, in massentaugliche Kinounterhaltung einbringen kann. Das hat er hier getan, und zwar deutlich zwingender als in seinen letzten Werken."

Den Begriff "zwingend" finde ich überhaupt ziemlich gut in Verbindung mit THE HAPPENING. Die interessantesten Ideen kamen sowieso von der deutschen Kritik, ob das nun die todesbringende Poetik des Windes war, die Entschleunigung der Erzählung, Kiyoshi Kurosawa als eigentliches Vorbild Shyamalans oder das Unheimliche der rationalen Selbstmordwellen in einem Katastrophenfilm - denn "der Selbstmord ist ein tendenziell unamerikanischer Impuls" (Midding).

Jens Hinrichsen schrieb, ob es einem passe oder nicht, "in jedem Shyamalan-Film steckt ein konservativer (bisweilen reaktionärer) Kern." Das passt mir zwar gewiss nicht, aber ich lasse lieber Athony Lane eine faszinierende Beobachtung machen und schließe damit: "I have always taken Shyamalan to be a fearmonger, but the new film suggests that he may be, at heart, a morbidologist: he is trying to reinsert the fear of death into a moviegoing culture that would prefer to think of it as laughable, dismissible, or gross."


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Spiegel Online, 2x Die Welt, Frankfurter Rundschau, 2x Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Der Standard, NZZ, Reverse Shot, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, The Guardian, The Observer, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, The New Yorker

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Montag, der 26.04.2010, 14:44
Lady in the Water: Überblick über die Filmkritik

...oder: Wie Shyamalan in Ungnade fiel

Aus Sicht der Filmkritik ist LADY IN THE WATER ein absoluter Tiefpunkt. Von 24 Kritiken* waren gerade einmal 25% positiv, 33% unentschieden und 42% negativ - der bisher schlechteste Schnitt. Zwei neue Perspektiven werden in den Texten augenfällig: Mythenbildung und Metakritik.

Wenn ich von Mythen rede, dann meine ich Mythen über den Regisseur. Diese hat jener aber wohl auch selbst mitzuverantworten, denn der Studiowechsel von Disney zu Warner wurde medienwirksam im Buch The Man Who Heard Voices: Or, How M. Night Shyamalan Risked His Career on a Fairy Tale, das kurz vor der Veröffentlichung des Films erschien, verarbeitet. Von einem berühmt-berüchtigten Studio-Meeting war die Rede, in dem Nina Jacobson, Mit-Produzentin der bisherigen Filme und Entdeckerin Shyamalans, das Skript zu LADY IN THE WATER kritisierte. Bla, bla, bla ... verquaste Mythenbildung auf höchster Ebene, die alte Mär, in der Mikrowelle aufgewärmt: Studio vs. Regisseur. Ich weiß, warum ich es für unnütz halte, Produktionsumstände in die Filmbetrachtung einfließen zu lassen: Sie führen dazu, dass man den Film eben nicht mehr betrachtet. Das geschah hier in großem Stil. Am mythologischen Diskurs nahmen fast alle Kritiken teil, jedoch oft in unkritischer Manier: Shyamalan "seems to have disappeared unrecoverably up his own navel" (Tim Robey, Daily Telegraph) oder, noch etwas direkter, "his head had finally disappeared up his arse" (Anthony Quinn, The Independent). Hier verband sich die Mythenbildung dann mit einer sehr kränkenden Form des Intentionalismus, in dem der Film kaum mehr eine Rolle spielte. Auch die (Werbe-)Anekdote, die Idee des Films basiere auf einer Gute-Nacht-Geschichte, die Shyamalan seinen Töchtern erzählte, wurde wahrscheinlich einfach aus dem Presseheft abgeschrieben und dann hämisch gegen den Film gewandt: "no doubt they're young enough to be excused their credulity." (Jonathan Romney, The Independent)

In diesem Kontext - der Verlagerung des Interesses von Film zu Regisseur - sind auch die giftigen Kommentare gegenüber der Rollenbesetzung des Regisseurs selbst einzuordnen, die den Charakter eines Cameos bei weitem überdehnt. Zugegeben, dass sich Shyamalan selbst als Schreiber mit prophetischer Zukunft besetzte, befremdet. (Meine Gedanken dazu: hier im letzten Absatz.) "Ein Manifest napoleonischen Größenwahns" fasste Wolfgang Höbel im SPIEGEL die Kritik zusammen. Eigentlich behielt nur Kim Newman in der britischen Sight & Sound einen gewissen Objektivismus und merkte findig an: "note how Story only tells Vick he will influence a future world leader, not that the influence will be positive".

Nun zur Metakritik - denn nicht nur der Regisseur wurde interessanter als der Film, sondern auch die Kritik selbst: Kritik an der Filmkritik von Shyamalans Filmen wurde allenthalben oft geübt. Das konnte sich bis in dieses Extrem steigern: "I was ashamed ... ashamed ... that I had ever given this incredible idiot M Night Shyamalan anything approaching a good review. Yet it was me, and thousands of journalists like me all over the world[...], who encouraged him to believe in his own conceited pseudo-visions, culminating in this close encounter of the extremely rubbish kind." (Peter Bradshaw, The Guardian)

Jeff Reichert ist wohl der einzige, der in Reverse Shot über diese Unsachlichkeiten sachlich zu Gericht saß und zum Schluss kam, dass diese weniger mit dem Film selbst als vielmehr mit der Diskursbildung zu tun haben: "most reviews gleefully tapped into some sort of collective urge to really beat up a filmmaker who, according to most accounts, got too popular and too egotistical too quickly even as his ability to craft compelling narrative waned over the course of his five most well-known features. This type of reaction isn’t new[...]" Und auch wenn Reichert den Film nicht unbedingt für gut befand, so sei er doch "for lovers and collectors of oddities and cinematic curios[...] essential viewing" und dem Gros der Sommerfilme 2006 vorzuziehen.

Bei der Frage des Humors konnten sich die Kritiker gleichfalls gar nicht entscheiden und rätselten um die scheinbare Gretchenfrage von Filminterpretation herum: Ist das jetzt ernst gemeint? Manche wussten es ganz genau... "along with funny bits, some intentional, others not" (Manohla Dargis, NYT) Andere konnten sich nicht entscheiden: "it's reached the point where it's hard to discern the intentional humor from the unintentional." (Kevin Crust, LA Times) Und wiederum andere fanden den Film gänzlich witzlos - und darin eben gerade lächerlich. Parallel dazu wurde auch die Humorlaufbahn des Regisseurs ausgewertet - mit ganz verschiedenen Ergebnissen: Ja, waren denn seine Filme bisher bierernst oder zeigten sie alle einen gewissen trockenen Humor? Verwirrte Gesichter überall...

Die Äußerungen zum Subtext des Films blieben spärlich. Jedenfalls bei meiner letzten Sichtung wurde mir recht klar, dass LADY IN THE WATER weniger Märchenfilm, sondern vielmehr Film über die Funktionsweise von Märchen (und somit auch von Erzählungen im Allgemeinen) ist. Diese deutlich aufscheinende Bedeutungsebene des Films wurde sich anscheinend demonstrativ verschlossen: Isabella Reicher z.B. bemerkte zwar die "permanenten Übersetzungs- und Vermittlungsvorgänge", der der Film zum Thema hat, konnte im Endeffekt trotzdem bloß "eine recht konventionelle Geschichte" erkennen. Weitaus spannender finde ich dann schon, von einer "Narfologie" (Alexandra Stäheli, NZZ) zu sprechen und das theoretische Erbe, welches der Film antritt, auf konkrete Wissenschaftler zurückzuführen: "In a movie laden with enough symbolism, shamanism and mythic lore to make Joseph Campbell dance a tribal jig[...]" (Desson Thomson, Washington Post) Diese seltenen Bemerkungen blieben jedoch oberflächlich und unausgeführt.

Christopher Doyles Kameraarbeit ist vielleicht das einzig positive Element, auf das sich alle Kritiker einigen konnten. Nur Sebastian Hammelehle hielt den Film in der Welt am Sonntag "bis hin zur Beleuchtung" für eine Amateurproduktion. Etwas differenzierter durfte wieder die englisch-sprachige Kritik hinzufügen: "Lady in the Water appears to have been lighted with a book of matches and a dying flashlight. The murky results are generally unlovely if occasionally striking[...]" (Dargis)

Die allgemein hämische Grundstimmung gegen Shyamalan und Film hat zu geistlosen Wortspielen eingeladen, von denen ich zum Schluss einige vorstellen möchte: "Nixe verstehen", "Mythen in Tüten", "Dead in the water", "The vamp from the damp" ...


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, Welt am Sonntag, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Der Standard, NZZ, Reverse Shot, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, The Guardian, The Observer, 2x The Independent, New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, The New Yorker

(in: filmBlog, leseEcke, studierStube) Kommentare (274) / Comment?


Sonntag, der 25.04.2010, 14:01
The Village: Überblick über die Filmkritik

Mit THE VILLAGE hat sich Shyamalan die Gunst der Kritiker zurückerobert: Von 26 Kritiken* waren 62% positiv, 19% unentschieden und 19%, was man wohl als echte Steigerung zu SIGNS bewerten kann. Interessanterweise tat sich ein Spalt zwischen deutscher und englisch-sprachiger Kritik auf. Erstere nahm Shyamalans sechsten Film beinahe ausnahmslos positiv auf, wobei Andreas Maurers NZZ-Kritik aus dem Rahmen fiel. Im englisch-sprachigen Raum gab es schon mehr Häme nach bekannten Muster: "unintentionally comical" (Kevon Thomas, LA Times) lautete das Mantra. Ich glaube, ich muss meine Meinung zu einer Kritikerzunft, die meint hinter die Intentionen der Filmemacher schauen zu können, nicht weiter auswalzen...

Fast kein Kritiker ließ es sich nehmen, in die subtextuelle Struktur des Films vorzudringen und auf seine allegorische Qualität hinzuweisen: Ob nun direkt auf Bush und die Post-9/11-Ära schielend oder nicht, so wurde doch deutlich herausgearbeitet, dass dieser Film weniger Angst beim Zuschauer hervorrufen soll als vielmehr Angst als zentrales Thema hat. Denn die idyllische Gemeinschaft, von der er handelt, wird durch die Angst vor einem unsichtbaren und namenlosen Feind ("Those we don't speak of") zusammengehalten. "Doch die Idylle hat einen Preis: den der Unfreiheit." (René Classen, film-dienst) Es geht also um das delikate Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, welches in den letzten Jahren auch in der realen Welt zusehends aus dem Gleichgewicht gerät. THE VILLAGE - das ist der Traum von absoluter Sicherheit. Dieser Traum wird von den Dorfältesten, die die Regierung darstellen, mit solch einem Fanatismus verfolgt, dass sie selbst den Mythos der "those we don't speak of" in die Welt setzten, ja sogar die Rollen dieser Dorf-Feinde spielen(!), um die Gemeinschaft zusammenzuschweißen. So fand David Kleingers in seiner Spon-Kritik "die Selbstverständlichkeit, mit der sich das tugendhafte Gemeinwesen im Belagerungszustand eingerichtet hat[,]" reichlich beunruhigend. Zwar in BILD nacheifernder Rhetorik-Armut, aber doch treffend beschreibt er das Dorf so, "als ob die Taliban mit den Teletubbies eine Landkommune gegründet hätten." Ich kann der selten aufscheinenden Ideologiekritik, die dem Film Konservatismus vorwarf, deshalb nur eine deutliche Absage erteilen. Würde man den Film als politische Parabel interpretieren, so gäbe Dorfpräsident Walker (William Hurt) "widersinnig einen sehr vertrauensweckenden Bush ab", so Susan Vahabzadeh in der SZ. Suchsland ergänzt auf artechock: "So sehr der Regisseur die Kraft der Liebe feiert, die alle Hindernisse überwinden kann, viel stärker noch glaubt er an den Nutzen von Geheimnissen, von Trug und Täuschung. Aufklärung, Wissen und Wissenschaft, dies macht Shymalian unmissverständlich klar, schade dem Zusammenleben der Menschen." Der Handlungsverlauf des Films deckt deutlich das Gegenteil auf: Kontrollregimes und auf Sicherheitslogik aufbauende Gemeinwesen sind zum Scheitern verurteilt - die absolute Sicherheit gibt es nicht! THE VILLAGE ist eine "Parabel über ideologische Manipulation und die Effizienz der Angst als Instrument der Macht." (Guido Kirsten, taz)

Die Zusammenarbeit mit dem Stamm-Kameramann der Gebrüder Coen, Roger Deakins, war einigen Kritikern wohlwollend aufgefallen, wie überhaupt die formalästhetische Strenge und Schlichtheit des Films positiv Anklang fand: "THE VILLAGE kommt in seiner stilistischen Präzision dem großen Vorbild Hitchcock sehr nahe", schreibt Anja Marquardt. Die englisch-sprachigen Kritiker scheinen mir aber stets etwas präziser in ihrer Bezugnahme auf die Visualität, wie z.B. Jonathan Romney in dieser The Independent Kritik: "The film is shot with bracing severity by Roger Deakins, with characters often observed from a distance or through the open doorways of darkened rooms."

Das Wort Auteur (oder der Bergiff, den man darunter versteht) fiel in Zusammenhang mit Shyamalan verhältnismäßig oft. "His auteur status is steadily growing", schrieb Ben McCann in seiner kamera.co.uk-Kritik
. Shyamalan sei ein "Autorenfilmer" (Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung) und ein "Meister seiner Zunft" (Andreas Platthaus, FAZ). In diesem Zusammenhang wurde auch sein virtuoser Umgang mit den Genres gelobt - sein unkonventioneller Umgang mit bekannten Handlungsmustern mache klar, dass es ihm primär gar nicht darum ginge Genre-Filme zu drehen. Dies führe natürlich dazu, dass Erwartungen unterlaufen und Zuschauer vor den Kopf gestoßen werden (vgl. Marquardt).

Damit wären wir vielleicht auch beim herausstechendsten und vielleicht am meisten beachteten Aspekt von THE VILLAGE: dem Plot-Twist. Zuerst muss ich mich enttäuscht zeigen, dass die meisten Kritiker von diesem nur in der Einzahl sprachen. Ich habe nur eine handvoll Kritiken entdecken können, die erwähnten, dass es (min.) zwei einschneidende Wendungen der Handlung gibt. Somit ist es auch ziemlich schwer, die Reaktionen auf "den Plot-Twist" auszuwerten, weil einem der Bezugspunkt fehlt. Jedenfalls blieb die Erwähnung weitestgehend auf unanalytischer Ebene, hier und da wurde auf den Zuschauer abgestellt: "Spätestens nach dem dritten Akt[...] will die eine Hälfte des Publikums aufspringen und applaudieren, während die andere sich betrogen fühlt und wütend aus dem Saal stürmt." (Daniel Bickermann, Schnitt) Eigentlich sollte es sich weniger darum drehen, ob die Schluss-Pointen überraschen oder nicht (was nämlich, wie Michael Kohler in der Franfurter Rundschau spitzfindig anmerkte, zu einer "sportiven Rezepeption" führt), sondern vielmehr, was sie bedeuten. Kohler meinte dann auch, die Schlusswendung entspäche eher der einer literarischen Novelle. Es mag schon verwundern, dass alle Kritiker um die allegorische Qualität des Films herumtanzten, aber die wenigsten seine Plot-Twists auf jene bezogen: Denn die erste Wendung demaskiert das Dorf als Kontrollregime, das den angeblichen Terror von Außen selbst produziert, und die zweite verleiht dem bisher Gesehenen eine geradezu erdrückende Aktualität erhält. Shyamalan somit des Ideen-Klaus bei Rod Serling (genauer: der Twilight-Zone-Episode "A Hundred Yards Over the Rim") zu bezichtigen, wie es z.B. Stephen Hunter in der Washington Post tut, ist absurd: In besagter Episode geht es um eine Zeitreise, in THE VILLAGE um ein soziales Experiment in der Jetzt-Zeit.

Interessantes zum Schluss: Die gegensätzliche Betrachtung der Inszenierung der Liebe - "Das Problem des Films besteht leider darin, dass diese Liebe eher intellektuelles Konstrukt bleibt statt sich emotional mitzuteilen" (Classen) VERSUS "der Film enthält gleich zwei der schönsten Liebeserklärungen, eine komisch, eine herzzerreißend" (Platthaus). Und während sich einige englisch-sprachige Kritiker über die gespreizte Ausdruckswesie im Dorf lustig machten, gingen andere mit diesem sprachlichen Aspekt sehr viel subtiler um: "There's something altogether artificial, almost Brechtian, about the whole set-up, especially with the cast's somewhat theatrical delivery of their ostentatiously archaic dialogue" (Romney) & "those we do not speak of—a clever locution on Shyamalan’s part, because although its archaic courtesy is designed to fend off the very thought of aggressors (here, in this peaceful place?), you can also imagine it on the lips of a ruling class politely disdaining lesser souls." (Anthony Lane, The New Yorker)... eine Chiffre demzufolge.


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, Der Spiegel, Spiegel Online, taz, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, NZZ, Focus, 2x artechock, kamera.co.uk, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, The Observer, 2x The Independent, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Montag, der 08.02.2010, 20:01
Aktionskunst, Reaktionskunst oder gar keine Kunst?

Meine im Januar stattgefundene Shyamalan-Retrospektive (hier noch einmal nachzuverfolgen) hatte zwei Lücken: Einmal THE VILLAGE. Das hatte den Grund, dass ich in der Vergangengenheit schon zu viele Worte (oder eben: keine Worte) zum Film verloren hatte. Ein ander Mal THE HAPPENING. Das wiederum hatte den Grund, dass ich vom wissenschaftlichen Projekt postapocalypse.de eingeladen wurde, mich in einem Filmgespräch mit Christian Hoffstadt, Judith Schossböck & Jochen Werner zum Film zu äußern. Dieses Gespräch ist nun online. Und es ist sehr schön geworden, wie ich finde. Auch wenn ich in ihm zuerst zu einem Medienwissenschaftler und nun - nach von mir angeregter Korrektur - zu einem Filmwissenschaftler wurde... am liebsten wäre mir natürlich, wenn da "Typie" oder so stände.

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Samstag, der 16.01.2010, 15:03
Signs: Überblick über die Filmkritik

M. Night Shyamalans SIGNS wurde von der Filmkritik als Niedergang eines Wunderkindes inszeniert, in das jeder Hoffnungen gesetzt hatte. Von 31 Kritiken* sind 39% positiv, 42% unentschieden und 19% negativ. Statt die Kritiker-Zunft jedoch in Lager zu spalten, hat der Film den Kritiker selbst in ein Dilemma versetzt. Das sieht man an der hohen Anzahl der Unentschiedenen. Diese Dilemma drückt sich meistens folgendermaßen aus: Inszenierung hui, christlich-faschistoide Zwangsbotschaften pfui! Aber dazu später mehr...

Nun, es war die Zeit des Fazit-Ziehens. Kam SIGNS, kam der Rückblick auf Shyamalans zwei vorherige Filme und deren endgültige Bewertung. Da das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek im Zuge des Kinostarts von SIGNS den Regisseur als "next Spielberg" betitelte, musste das natürlich irgendwie mitverarbeitet werden. Seine "Besinnung auf filmische Tugenden" jenseits reißerischer Effekte (Everschor, film-dienst), die "unaufhörliche Unterwanderung der Hollywood-Maxime des faster, bigger, more" (Happe, Schnitt) und der "soveräne Umgang mit Bild, Farbe und Ton" (Platthaus, FAZ) wurde ihm positiv beschieden, obwohl gleichzeitig gemutmaßt wurde, dass "Shyamalan Variationen desselben Films dreht" (Peters, taz) und sich mittlerweile eine gewisse Formelhaftigkeit herausbildet (Newman, Sight & Sound). Jedenfalls wurden die Stifte für die Doppelstriche gezückt. Nachdem schon UNBREAKABLE einen eher gemischten Eindruck hinterlassen hatte, erwartete man nun Anschluss an THE SIXTH SENSE.

Die Dreharbeiten zu SIGNS begannen am 13. September 2001, zwei Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Allzu viele Kritiken gingen nicht darauf ein und ob sich nun in der "klaustropischen Grundstimmung" des Films "die Ängste einer traumatisierten Nation" spiegeln (Schröder, Tagesspiegel), will ich dahingestellt lassen. Aber einige Aspekte, wie das Nachvollziehen der Invasion über den heimischen Fernseher, schlagen doch bemerkenswerte Brücken zur Realität.

Die humorvoll-skurillen Töne, die SIGNS durchdringen, waren vielen Kritikern aufgefallen. Jürg Zbinden in der NZZ hat diese Form von Humor beispielsweise sehr irritiert. Und auch anderswo durchfuhren die Renzensenten Momente der Unentschiedenheit: "almost too bizarre to be funny" steht im New Yorker und Newman macht die Lacher von der Stimmung abhängig: "Signs gets as many laughs as gasps, and it's a moot point as to how many are intentional." Besonders gefallen hat mir aber, dass Andreas Platthaus die von Joaquin Phoenix "leicht debil" gespielte Figur des Merrill Hess als "drittes Kind" im Ensemble verstand. Das deckt sich sehr mit meiner Perspektive auf Shyamalans spätere Filme, in denen das Kind immer mehr im Erwachsenen zu finden ist.

Hier und dort wurde sich darüber echauffiert, dass das Finale einen unverstellten Blick auf ein Alien bereithält. Dass dieses nun viele für gummös und grün hielten, scheint aber eher darauf hinzuweisen, dass der Blick so unverstellt nicht gewesen sein kann, denn diese Beobachtungen stimmen einfach nicht mit den Bildern überein. Interessanter ist da eher schon Anthony Lanes Bemerkung, dass die Mise-en-scène etwas von einer grotesken Parodie einer Pietà hat.

Damit kommen wir zum Anfang zurück - den Missionierungsversuchen des Shyamalan. Daniel Haas brachte die herrschende Meinung, deren Argumentation unter ideologiekritischen Gesichtspunkten durchaus seine Stärke hat, sehr gut zum Ausdruck: "Gegen den Glauben an höhere Mächte ist dabei grundsätzlich nichts einzuwenden[...] Doch 'Signs' koppelt die religiöse Spekulation an eine heikle Frage: Kann man ein guter Vater sein und zugleich Atheist oder Agnostiker? Der Film sagt nein und verschärft damit das Konzept einer paternalistischen Gesellschaft, in der es zwischen richtig und falsch keine Nuancen geben kann." Man könnte natürlich die angebliche Offenbarung am Ende des Films als letzen Kalauer betrachten: Wenn Graham Hess (Mel Gibson) seinen Glauben wiederentdeckt, weil er die grausame Zweiteilung seiner Frau durch ein Auto, das schwere, asthmatische Leiden seines Sohnes, die nahezu geisteskranke Eigenart seiner Tochter und die zerstörte Baseball-Karriere seines Bruder als von Gott eingeleitete Ereignisse interpretiert, die das Überleben der Alien-Invasion ermöglichten, dann ist das doch fast schon wieder eine zynische Dekonstruktion von Glauben... Hanns-Georg Rodek machte dazu in der Welt noch eine sehr scharfsinnige Beobachtung: "Gibson und Familie überstehen die Belagerung des Bösen nicht dank ihres Glaubens, sondern trotz ihres Unglaubens."


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, FAZ Online, FAS, SZ, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Der Standard, NZZ, Focus, Scope, kamera.co.uk, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, 2x The Guardian, The Observer, 2x The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Sonntag, der 10.01.2010, 17:18
Unbreakable: Überblick über die Filmkritik

Bereits mit UNBREAKABLE, Shyamalans Film nach dem Überraschungshit THE SIXTH SENSE, begann sich die Filmkritik zu spalten. Von 24 Kritiken* sind 58% positiv, 17% unentschieden und 25% negativ. Der Regisseur war in der Gunst der Rezensionskaste gesunken. Traurigerweise hatten die wenigsten Kritiker genug Selbstreflexionskraft, die schwierige, ja fast unmögliche Lage des Regisseur nach seinem sowohl kritischen als auch finanziellen Erfolg zu erörtern. Wie Manfred Müller so schön schrieb: "Diesem Vergleich muss sich Shyamalan stellen allein auf Grund der zeitlichen und auch stilistischen Nähe beider Arbeiten, auch wenn das die eigentlichen Qualitäten seines Films verdeckt." Vor Enttäuschtsein im Angesicht des Vorgängerfilms vergaßen einige Kritiker wohl, sich UNBREAKABLE etwas genauer anzuschauen. Der Vergleich mit THE SIXTH SENSE ist allgegenwärtig und das durchgängige Motiv der Kritiken.

Was verbindet nun eigentlich beide Filme? (Einmal abgesehen vom Hauptdarsteller Bruce Willis.) Beide kreisten "um die Wahrnehmung und um die unterschiedlichen Arten, sie zu erfahren" (Sterneborg, SZ), beide spielten im "Reich des Übersinnlichen" (Müller, Spon) und hätten "die spielerische Verwirrung der Realitäts- und Genreebenen" (Kohler, FR) gemein, beide seien "supernatural thriller with a twist" (Bradshaw, The Guardian), und mit einer "deadpan melancholy" getränkt (Michtell, NYT) - und hier wie da gehe es um die Selbsterlösung einer Figur, worauf besonders die deutsche Presse, allen voran film-dienst, ein Augen geworfen hat. Für manch einen legten diese Ähnlichkeiten die Vermutung eines "Copycat-Films" (Turan, Los Angeles Times) nahe, für andere war die Fähigkeit, das Übernatürliche im und aus dem Alltäglichen entstehen zu lassen (Schickel, TIME), nun schon zu einem Stil & Markenzeichen Shyamalans geronnen.

Was jedenfalls stark auffällt, sind zwei ganz neue Aspekte, auf die die Filmkritik sehr aufmerksam ihr Auge gelegt hat: Die Formalästhetik und Philadelphia als Setting. Die Kritiker überschlugen sich mit teils sehr präzisen Beschreibungen der außergewöhnlichen, für Hollywood untypischen visuellen Mittel: Seien es die auffälligen Point-of-View-Shots, die langen Plansequenzen, die Auflösung des Schuss-Gegenschusses oder die komischen Kamerawinkel und mittleren bis weiten Einstellungsgrößen bei Dialogsequenzen. John Atkinson behauptete, diese Bild-Ästhetik wäre "for no good reason" und nannte als Beispiel eine Szene, die fast komplett als Reflektion in einem Fernseher gezeigt wird. Michael Kohler in der Frankfurter Rundschau hätte ihn eines besseren belehren können: Sehr genau beschrieb er die Spiegelsequenzen im Film und deutete sie souverän als Sinnbilder der - ja, eben! - Glasknochen-Krankheit der Figur des Elijah Price (Samuel L. Jackson). Denn gerade in den Flashbacks, die uns in seine Vergangenheit führen, sind die Spiegel-Einstellungen derart dominant. Anhand solcher Befunde will es mir einigermaßen schief vorkommen, dass Rüdiger Suchsland (einmal mehr in unverkennbarem Husch-Husch-Stil) Shyamalan das "Prinzip, alles zu sagen, statt zu zeigen" hinterherdichtete und Helmut Merschmann in der epd Film irgendetwas davon schrieb, dass der Fortgang der Geschichte nur im Dialog stattfände. Fehldiagnosen par excellence! Nun zu Shyamalans Heimatstadt, der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Philadelphia. Hier war man sich eigentlich einig, dass das Netz zwischen der unheimlichen Atmosphäre seiner beiden Mystery-Filme und der eigenständigen Architektur Phillys ("verwinkelte, rotbraune Backsteinbauten, das bedrohliche Pathos neogotischer Architektur", Pauli, Focus) sehr eng geflochten ist.

Die eigentlichen Spalter-Themen waren (1) die gewöhnungsbedürftige Entscheidung, eine Superhelden-Origin in einer so lähmenden, ernsten und pessimistischen Art zu erzählen und (2) der Plot-Twist.
(1) Wie uns der unter dem Kürzel apl (aller Wahrscheinlichkeit nach Andreas Platthaus) firmierende Autor in der DVD-Rezension zu UNBREAKABLE in der FAZ mitteilt, handelt es sich bei dem grundlegenden Plot um eine Origin Story, eher den Amerikanern und weniger den Deutschen aus Superhelden-Comics bekannt. Einige Filmkritiker fanden solch eine Geschichte einfach zu kitschig und abgedroschen, so dass ihnen die Ernsthaftigkeit der Präsentation und der Filmfiguren nur noch lächerlicher erschien: "Willis is almost morbidly withdrawn as the security guard, though his underplaying isn't enough to divert us from the corniness of his secret potential." (Anthony Quinn, The Independent) Das kann man auch anders sehen, beweist Thomas Wirtz' schöne Kritik in der FAZ. Schon fast müßig erklärt er die "maßlose Zeitvernichtung" in der ersten Hälfte des Films als perfektes Darstellungsmittel des "langsam dahin Vegetierenden", der "wandernden Schlafpille", des "depressiven Kleinbürgers". Die Entdeckung der Superhelden-Kräfte sei der schwere Weg der Selbstfindung, den David Dunn (Bruce Willis) zu gehen habe.
(2) Der Plot-Twist von UNBREAKABLE ist ebenfalls sehr schwer außerhalb des Subtextes der Comic-Mythologie zu verstehen, insofern er wohl auch eher Subtext-Twist genannt werden sollte. Auf einer reinen Handlungsebene wirkt er gewiss eher effekthascherisch. Denn durch ihn werden die Figuren des Elijah Price und David Dunn endgültig zum typischen Comic-Sujet transformiert: Zum Superhelden und seiner Nemesis, seinem Erzfeind, dem Superschurken. Die Kritiker-Reaktionen fielen dementsprechend sehr gemischt aus: enttäuscht, gleichgültig, erbost, überrascht, erfreut. Dass man den Twist auch überhaupt nicht erwähnen muss und genug zum Film sagen kann, weil er auch schon so faszinierend genug ist, bewies Anke Westphal in der Berliner Zeitung.

Noch eher am Horizont leuchtete der Mythos von Shyamalans Exentrik - und die verhängnisvolle Verwechslung eines Films mit seinem Regisseur, die damit einhergehen wird. Urs Jenny war im Spiegel derart in seinem Intentionalismus verfangen, dass er den Film vor lauter Shyamalans nicht mehr sehen konnte.

Ich will mit dem Kritiker David Denby vom New Yorker schließen, der anscheinend eine neue Art Kino-Physiognomik begründen wollte: Oder wie anders kann man sich erklären, dass Bruce Willis' Kopf in UNBREAKABLE wie ein "enormous, melancholy egg" aussähe oder er Haley Joel Osments "extraordinary face" in THE SIXTH SENSE mit einer beängstigenden Akribie beschrieb: "pale, with a pointed chin, a tiny mouth, with a curling upper lip, and eyes that go red at the rims with fear." Na, so lange Shyamalans Filme zu solchen Beobachtungen einladen...


* film-dienst, epd Film, Schnitt, 2x FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, taz, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Focus, artechock, kamera.co.uk, Sight & Sound, The Guardian, The Observer, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

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Samstag, der 09.01.2010, 15:24
The Sixth Sense: Überblick über die Filmkritik

Die kritische Aufnahme von THE SIXTH SENSE im Jahr 1999 kann man als sehr achtbar bezeichnen. Von 23 Kritiken* sind 78% positiv, 13% unentschieden und 9% negativ. Die letztere Zahl rührt von zwei Verrissen, einer in der Berliner Zeitung, der andere in der New York Times. Die lesen sich wirklich sehr komisch, wobei ersterer sich anmaßte, wirklich alles verstanden und durchschaut zu haben und zweiterer dem Film süßlichen Kitsch unterstellte. Eine durchaus fragwürdige Beurteilung für einen so depressiven und pessimistischen Film.

Das Wichtigste voran: Regisseur Shyamalan wird [Scha-ma-lahn] ausgesprochen. Besonders die englischen Kritiken wurden nicht müde, dem Leser eine sprachliche Hilfeleistung an die Hand zu geben - das weist wohl daraufhin, dass man meinte, von diesem Regisseur nicht das letzte Mal gehört zu haben. Die Quelle dieser Information wird uns von Gilbert Adair eröffnet: Im Presse-Heft zum Film stand's.

Der Regisseur dieses aus dem Nichts kommenden, aber zum US-Kassenschlager avancierten Films war weitestgehend unbekannt. Mithin war THE SIXTH SENSE im Jahre 1999 noch kein Shyamalan-Film (heute ist er es schon), sondern ein Bruce-Willis-Film. Besonders in der deutschen Presse war Bruce Willis' Abkehr vom Action-Genre, welche er mit diesem Film weiter vorantrieb, vielbeachtet. Hier und da wurde sogar der Tod des Action-Genres verkündet, eine - aus heutigem Gesichtspunkt - etwas vorschnelle und lächerliche kulturelle Annahme. Bruce Willis jedenfalls war ein Star der 1990er und sein Auftreten und besonders seine "schauspielerische Leistung" in diesem ruhigen und kontemplativen Horror-Thriller waren der Filmkritik stets mehrere Zeilen wert. Vom subtilen gedämpften Spiel bis zum Vorwurf des Ein-Gesicht-Willis findet man alle Positionen vertreten. Regine Welsch klärt souverän (aber mit fragwürdiger Satzform): "Wer die grossen Schauspieler sucht auf der Leinwand, der hat das Prinzip Kino nicht verstanden. Wir werden also die Frage nicht klären, ob Bruce Willis ein begnadeter Mime ist."

Wenn man von Herrn Göckenjans Spott in der Berliner Zeitung absieht, der keinen "Verantwortlichen für den Erzähl-Ryhthmus", "träge dahinstolpernde Bilder" und eine "plätschernde Geschichte" sah, war man sich unter den Filmkritikern doch größtenteils einig in der Bewertung der Ruhe, Getragenheit und Langsamkeit des Films: Mit einfachsten Mitteln wird Atmosphäre geschaffen. Die Erwähnung von BLAIR WITCH PROJECT war somit fast schon obligatorisch - zwar weniger erfolgreich, aber ähnlich gelagert sowohl vom Thematischen (Grusel-Film) als auch von der Kosten-Einspiel-Relation (in beiden Fällen phänomenal). Nach den klotzenden Großproduktionen der 1990er sah man wieder ein neues, bescheidenes, jedoch trotzdem mitreißendes Kino am Millenniumshorizont (am falschen natürlich, die Jahrtausendwende kam dann ja erst ein Jahr später). Gerald Koll in Der Welt vermutete den Film gar in einer Reihe sogenannter Paranoia-Filme, die die Angst vor der symbolisch aufgeladenen Jahrtausendwende verkörperten.

Einige wenige Kritiker waren mit den verschämt durchs Bild huschenden Geistern nicht besonders zufrieden. Nur die Musik markiere, dass man sich nun zu Gruseln habe (Göckenjan), oder das Gespenst wird gleich einer kulturtheoretischen Analyse unterworfen. So Katja Nicodemus in der taz, die in den melancholischen Erscheinungen aus dem Jenseits eher Oscar Wildes Canterville Ghost repäsentiert sah. Ihrer Meinung nach sei dies der Ultramoderne nicht angemessen. Vielleicht wäre Sam Raimis TANZ DER TEUFEL Trilogie dann eher nach ihrem "geistreichen" Geschmack...

Nirgendwo unerwähnt bleibt der Plot-Twist am Ende des Films. Er ist das Motiv, welches sich durch alle Kritiken zieht. Verraten wird natürlich nichts, außer, dass etwas passieren wird, etwas Überraschendes, welches die Handlung umwertet. Göckenjan fällt einmal mehr aus der Reihe: Er beurteilte den "finalen Knalleffekt" als gänzlich perfides Ablenkungsmanöver und Marketing-Strategie, welcher die "Langeweile vorher" vergessen machen und für "Mund-zu-Mund-Propaganda" sorgen soll. Er attestierte dem Film, dass er nur von der Neugierde um dieses Geheimnis zehre und dem Zuschauer sonst nichts zu bieten habe. Was für eine Anmaßung! Sight & Sound scheint mir näher am Film, als sie jenem eine Faszination zusprach, die eben gerade nicht (bloß) vom Ende herrühre, sondern von seiner Rätselhaftigkeit, "from explaining next to nothing". Alle Kritiker jedenfalls sahen sich in der Pflicht, eine Inhaltsangabe aus der beschränkten Perspektive der Bruce-Willis-Figur zu schreiben, die noch nicht um ihren speziellen Status in der diegetischen Welt weiß - denn die Eröffnung seines speziellen Status des Seins ist ja eben der Plot-Twist, der eine Umperspektivierung des Zuschauers bedeutet. Diese Umperspektivierung wurde wohl von allen Kritikern als ein solches Erlebnis angesehen, dass es keinesfalls vorweggenommen werden durfte - es muss selbst erfahren werden. Hier und da wurde sogar der Effekt dieser Umperspektivierung lobend erwähnt: Der Zuschauer wolle den Film sofort ein zweites Mal sehen - herausbekommen, wie dieser einen hinters Licht geführt und somit eine beschränkte Erzählperspektive als einzig korrekte dargestellt hat. (Wieviele Filme können das schon von sich behaupten?) Auch wenn Gerald Koll und wenige andere meinen, am Ende "mag man dem Film seinen Schabernack übelnehmen", so gibt es auch die klügere Gegenmeinung: Fiktionale Erzählungen sind nun einmal sozial sanktionierte Formen der Lüge! Filme wie THE SIXTH SENSE oder auch FIGHT CLUB weisen selbstbezüglich auf diese kulturelle Übereinkunft hin, denn sie spiegeln in sich noch einmal das Verhältnis von Fiktion und Realität und ihre Brüchigkeit - z.b. in Form von einer subjektiven Perspektive und fiktiver Realität.

Aber über diese eigentümliche Faszination mit dem Spiel der Perspektiven hinaus vermag der Film gewiss auch bei der dritten usw. Sichtung zu fesseln, darauf hätte sich das Gros der Kritiker gewiss einigen können. Daran anschließend ist es interessant zu erwähnen, dass jede Kritik eine andere Genre-Bezeichnung für den Film bereithielt: Horror, aber dann doch eher ein sanfter Grusel-Film ohne billige Schock-Effekte. Ein Thriller oder ein psychologisches Drama? "Heroic-therapist movie" (nach der Washington Post ein vergessenes Genre der 1960er) und ein Subgenre des buddy movie, der den einsamen Mann und den traurigen Jungen vereint (Sterneborg, epd Film)! Shyamalans Kino wehrt sich gegen Kategorisierungen - deswegen war es in Zukunft auch immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Denn in ein Genre will ihn jeder stecken, obwohl alle seine weiteren Filme diese Erwartungshaltung fast schon süffisant unterlaufen: Den Plot-Twist-Film...


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Berliner Zeitung, NZZ, Focus, artechock, Scope, Sight & Sound, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker

(in: filmBlog, flimmerWelt, studierStube) Kommentare (20) / Comment?


Donnerstag, der 15.10.2009, 16:50


    "Erst die Agenda-2010-Politik der rot-grünen Regierung, die 1998 an die Macht kam, und speziell die Durchsetzung der sogenannten Hartz-Gesetze in den Jahren 2003-2005 führten zu einem regelrechten Systembruch im Bereich der Arbeitslosenversicherung und in der Arbeitslosen- und Sozialpolitik insgesamt. [...]
    Die Arbeitslosenhilfe wurde vollständig abgeschafft und mit der Sozialhilfe zum sogenannten Arbeitslosengeld II zusammengelegt. Und vor allem ist nun jede Arbeit zumutbar – auch den Qualifikationen des Arbeitnehmers in keiner Weise entsprechende, auch untertariflich bezahlte Arbeit und selbst Arbeit zu monatlichen Nettolöhnen, die unterhalb des Sozialhilfesatzes liegen. Werden dieserart definierte ‚zumutbare’ Arbeitsangebote – wozu auch die sogenannten Ein-Euro-Jobs gehören – abgelehnt, kommt es zu Leistungskürzungen und im Wiederholungsfalle sogar zum vollständigen Leistungsentzug. Nicht wenige Kritiker dieser Regelung sprechen von der Wiedereinführung der Zwangsarbeit, weil die Androhung des Entzugs sämtlicher Mittel zum Lebensunterhalt einem massiven Zwang zur Aufnahme von auch ausbeuterisch bezahlter Arbeit gleichkommt.
    Die Vergabe und die zeitliche Gewährung des ALG-II werden von den Ämtern oft derart restriktiv gehandhabt, dass sich hierfür in den Sozialwissenschaften und selbst in einigen Arbeitsverwaltungen der Begriff der ‚Verfolgungsbetreuung’ durchgesetzt hat. [...] Der Druck auf die Arbeitslosen macht auch vor den Kolleginnen und Kollegen in den Ämtern nicht halt. Es werden Hitlisten eingerichtet, mit dem Ziel, zu schauen, wer in welcher Zeit wie viele Sperrzeiten verhängt hat. [...]
    In einem Staat, dessen Reichtum und Sozialprodukt so groß sind wie nie zuvor in der Geschichte, sind also Methoden paternalistischer Sozialpolitik und der repressiven Verwaltung von Armut und Arbeitslosigkeit zurückgekehrt, wie man sie bislang nur aus der Periode des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit oder in politischen Diktaturen der Moderne kannte."

(In: Egbert Scheunemann: Vom Armen- und Arbeitshaus zu Hartz-IV. Eine kurze Geschichte der staatlichen Armen- und Arbeitslosenverwaltung zwischen Repression und Almosentransfer)

Wer gern öfter auf solche Texte zur sozialen Lage unsere Nation hingewiesen werden möchte, der sollte regelmäßig bei NachDenkSeiten.de vorbeischauen.

Link(s) NachDenkSeiten.de - Die kritische Website
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Dienstag, der 02.06.2009, 15:41
Harry Potter und der Halbblutprinz - Außer Atem

Kommt nur mir das so vor oder deutet sich in diesem Clip einmal mehr eine elliptische, hastige Schnittweise sondersgleichen an? (Nachdem ja schon Teil 5 regelrecht zerschnitten war, um Zeit zu raffen.) Dumbledore geht mit der Erzieherin die Treppe hoch, Schnitt (1:42), plötzlich stehen sie im Gang, obwohl sie ihren Bericht nahtlos weiterführt. Die Kamera fährt von den Beiden rückwärts weg, den Gang entlang, Schnitt (1:46), ja fast ein Jump-Cut, und dann stehen sie näher an der Kamera und weiter im Gang, vor einer Tür. Nach dem Schnitt auf den jungen Voldemort, sieht man in der nächsten Einstellung Dumbledore auf dem Bett sitzen - wie er dahin gekommen ist, wurde weder durch Bild noch Ton mitgeteilt. Von mir aus kann Godard so schneiden - hier wirkt es doch sehr dilettantisch und erregt in mir auch leichten Schwindel. Na, da bin ich ja mal gespannt auf den Film...

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